Zweisamkeit

»Und, wie gefällt es dir?«

Deelix konnte den Stolz hören, der in Samains Stimme mitschwang, während sich die automatische Tür hinter ihnen schloss. Mit sanftem Druck aufs Kreuz schob er Deelix ein wenig weiter in sein Appartement hinein.

Es war das erste Mal, dass sie Samain besuchte. Sie bemühte sich, ihr Staunen zu verbergen, aber als sie sich einmal im Kreise drehte und dabei Samains leicht amüsierten Blick auffing, wusste sie, dass ihr das nicht gelang. Die Einrichtung war spartanisch und hell. Aber vor allem war sie sauber – ganz das Gegenteil ihres Zuhauses im äußersten Ring der Stadt.

»Wow!«

Deelix durchquerte den Wohnraum und trat an die große Glasfront, die sich über die ganze Wand erstreckte. Mit offenem Mund bewunderte sie den Lichterteppich, der sich weit unter ihr fast bis zum schwarzen Horizont ausbreitete. Dort, wo die Lichter große Lücken liessen, lagen die Äußeren Ringe der Arbeiterklassen. Wie hell erleuchtete Adern durchzogen dicht befahrene Straßen die Stadt, die alle in Richtung Zentrum führten. Hier, in der Mitte der Stadt, befanden sich die großen Wohntürme der Elite: begrünt, sauber und in tadellosem Zustand, in unmittelbarer Nähe der schwebenden Hängenden Gärten, der grünen Oase der Stadt. Nur erreichbar, wenn man der Elite angehörte. Deelix seufzte tief. Was würde sie bloß alles geben, einmal die Gärten betreten zu dürfen.

»Es ist … unglaublich.«

Ihr Herz tat einen Sprung, als Samain dicht neben sie trat. Sie konnte seine Wärme spüren und als sein Arm wie zufällig den ihren streifte, kroch ihr ein Kribbeln bis zur Schulter hoch, über ihre Brust und direkt in den Bauch, wo plötzlich hunderte Schmetterlinge aufflogen. Ihre Knie wurden weich.

Wortlos griff er nach ihrer Hand. Seine Berührung war warm und fest, als er die Finger um ihre schloss und sie in Richtung Schlafbereich zog.

»Komm.«


Die beiden lagen auf dem großen, weichen Bett, von dem Deelix am liebsten nie wieder aufgestanden wäre. Sie schmiegte sich an Samains Brust und fühlte seinen Herzschlag, kräftig und regelmäßig. Er hielt sie im Arm und malte ihr gedankenverloren mit den Fingern Kreise auf die Schulter. Dann hielt er plötzlich inne.

»Wir könnten es heute tun.«

Ihr Atem stockte und sie krallte die Hand in sein Shirt. Auf einmal spürte sie den Puls in ihren Ohren pochen wie Hammerschläge. Samains Stimme klang entschlossen, schien es wirklich ernst zu meinen. Ihr wurde schwindlig.

»Aber du musst nicht, wenn du nicht willst«, ergänzte er, als sie nicht antwortete. Täuschte sie sich, oder klang er ein wenig enttäuscht?

Was sollte sie antworten? Konnte sie Nein sagen und ihm vor den Kopf stoßen, der schon so lange auf den Augenblick wartete – und sie insgeheim doch auch. Sie löste die verkrampfte Hand von seinem Shirt und strich es langsam glatt.

»Nein … natürlich will ich es …« Sie hielt einen Augenblick inne und schluckte. »Wird es weh tun?«

Sie spürte, wie er mit den Schultern zuckte. »Ja, ich glaube, manchmal kann es schon wehtun.«

Sie fühlte seine Hand in ihrem Haar und wie sie weiter in Richtung Rücken wanderte. Sanft strich er mit den Fingerspitzen über ihren Nacken. Er räusperte sich. »Und ich glaube, für euch Frauen ist es schlimmer als für uns.«

Deelix seufzte tief und vergrub das Gesicht in seiner Achsel. »Ich weiß nicht, ob ich das kann …«

»Klar kannst du das.«

Ihre Gedanken rasten und sie schwieg. Auf einmal wünschte sie sich weg von hier. Obwohl er sie zärtlich in den Armen hielt und ihr das Gefühl von Geborgenheit gab, fühlte sie sich plötzlich alleine. Der Umstand, dass er so viel mehr Erfahrung hatte, zeigte ihr auf, wie unterschiedlich sie doch waren.

Sie löste sich aus seiner Umarmung und machte Anstalten, aufzustehen.

»Wo willst du hin?«, fragte er überrascht.

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich gehe«, antwortete Deelix.

Rasch griff er nach ihrem Handgelenk und zog sie zurück aufs Bett.

»Bitte. Geh nicht.«

Sie zögerte und ließ sich auf die Bettkante sinken.

»Ich glaube, ich bin noch nicht so weit.« Als sie die Worte aussprach, spürte sie einen Stich im Herzen. Wie gerne würde sie mit ihm ihr erstes Mal erleben, denn sie wusste, dass er auf sie achtgeben würde. Mit ihm wäre es einfach. Mit ihm wäre es perfekt. Warum also traute sie sich nicht?

»Nun komm schon. Deine Schwester hat es schließlich auch schon getan.«

Überrascht wandte sie den Kopf und starrte Samain an. Was, ihre jüngere Schwester? Diese Mimose?

»Wann? Mit dir?« Ihre Stimme klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte.

Samain lachte auf. »Irgendwann letzte Woche, ja.« Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Sie hat mich gefragt. Es hat sich gerade so ergeben.«

Mit verschwörerischer Stimme fügte er zwinkernd hinzu: »Ich glaube, es hat ihr gefallen.«

Deelix’ Magen zog sich zusammen. Ihre Schwester. Mit Samain. Sie biss sich auf die Unterlippe und überlegte. Ihre Schwester wusste, dass Deelix das noch nie getan hatte. Wahrscheinlich lachte sie sich scheckig, was ein Grund dafür sein könnte, dass sie noch nichts von ihrem Erlebnis erzählt hatte. Deelix blieb nur eines: die Flucht nach vorne. Sie atmete tief durch.

»Also gut.«

»Was?« Er blinzelte verwirrt.

»Machen wir’s. Heute. Jetzt.«

»Bist du sicher?«

»Ja. Wenn du mir nachher ein Eis spendierst. Ein Großes.«

Als sie in seine Augen sah, merkte sie, dass ihre Entscheidung richtig war. Er strahlte über das ganze Gesicht, umfasste das ihre mit beiden Händen und küsste sie innig. Sie kicherte nervös, seine warmen Lippen noch immer auf den ihren.

»Ist das ein Ja?«

»Und was für ein Ja!«

Er stand auf und zog sie mit sich. Seine Finger schlossen sich fest um ihre und gaben ihr ein Gefühl der Sicherheit.


Samain trat an den mannsgroßen Glaszylinder am anderen Ende des Raumes und öffnete die Schiebetür. Mit einem entschlossenen Schritt trat er hinein und zog Deelix einfach mit sich. Wie herbeigezaubert hielt er plötzlich eine Plastiktüte in der Hand. Er grinste breit.

»Hier, nimm. Wenn wir ankommen, wirst du bestimmt kotzen. Das erste Mal ist wirklich immer am schlimmsten.«

Mit diesen Worten startete er den Teleporter.


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