Kapitel 29:
Schlechte Geschäfte

Zurück: Nur tot ist besser

Sterben war nicht unbedingt das, was Tavoran wollte. Noch hatte er nicht alle Möglichkeiten ausgenutzt, um die Sache mit Lyndia ins Reine zu bringen, und er wollte sich nicht von einem vermeintlichen Fluch und einem Gott davon abhalten lassen.

Mochte sein, dass der Seelensammler hinter ihm her war, was auch immer das für ein Gott sein mochte. Und wenn es so wäre, dann war Catun der sicherste Ort für ihn, denn die Stadtmagier würden schon dafür sorgen, dass der Gott sich nicht in der Stadt herumtrieb. Seit Catun den Stadtgott verloren hatte, hatten die Zwillingsherrscher die Anzahl der Stadtmagier verdoppelt. Denn eine so große und wichtige Stadt wie Catun musste geschützt werden, vor Göttern und anderen magischen Kräften.

Aber Tavoran sah ein, dass Meister Kharmek nicht der Mann war, den er für seine Zwecke gebrauchen konnte. Er war sich nicht ganz sicher, ob sich der Magier einfach weigerte, ihnen zu helfen, weil er sich vor dem Gott fürchtete, oder ob er tatsächlich die Wahrheit sagte und sie tatsächlich nicht unterstützen konnte.

So oder so, für Tavoran bedeutete der Besuch bei Meister Kharmek reine Zeitverschwendung. So war er – im Gegensatz zu Kerys – nicht sonderlich bestürzt, als der Magier die beiden höflich, aber mit Nachdruck gebeten hatte, unverzüglich sein Haus zu verlassen. Aber auch Kerys hatte sich auf keine weiteren Diskussionen eingelassen und war Kharmeks Aufforderung ohne Widerrede gefolgt.

Tavoran sah ihr die Besorgnis an, der mahlende Kiefer und die leicht zusammengezogenen Augenbrauen verrieten, dass sie angestrengt nachdachte, als sie den Weg in Richtung der Unteren Stadt einschlugen.

»Ich weiss nicht, wie ich dir helfen kann«, sagte sie schließlich. Ihre Stimme klang verzweifelt, als sie weiterfuhr: »Es muss doch einen Weg geben, den Fluch zu lösen!«

Sie war stehen geblieben und Tavoran sah, wie sie blinzelte. Ihre Augen glänzten.

»Warum hast du dich bloß auf diese Sache eingelassen? Was hast du dir dabei gedacht?« Ihm entging das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht. »Jetzt hast du einen Gott am Hals und wirst höchstwahrscheinlich sterben.«

Tavoran war ebenfalls stehen geblieben und trat auf Kerys zu. Er griff nach ihren Händen und drückte sie. »Ich hätte schon viele Male sterben sollen«, sagte er und grinste. »Aber ich wäre nicht Tavoran Maras, wenn ich nicht auch dafür eine Lösung finden würde.«

Er hoffte, dass er zuversichtlicher klang, als er tatsächlich war. Kerys und Kharmek hatten recht: Irgendetwas stimmte mit ihm nicht, seit er mit dem Dolch Yihun getötet hatte. Vielleicht hatte es wirklich ein Gott auf seine Seele abgesehen. Obwohl er sich weigerte, daran zu glauben, hatte sich leiser Zweifel in seinem Inneren eingenistet, der sich hartnäckig hielt.

»Tavoran, du verstehst das nicht. Für den Fluch des Seelensammlers gibt es keine Lösung.« Kerys blickte ihn an und er sah, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten.

»Wer sagt, dass das so ist? Außerdem: Wo ist denn nun dieser vermeintliche Gott, der es auf meine Seele abgesehen haben soll? Ihr alle redet davon, aber gesehen hat ihn niemand. Vielleicht stimmt das alles nicht, was ihr über den Fluch und den Gott zu wissen glaubt.«

Sie löste eine Hand aus der seinen und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Vielleicht hast du Recht«, sagte sie. »Wer weiss, vielleicht ist der Gott auch schon lange tot und kann dir nichts mehr tun.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, wie alt er ist, aber vielleicht haben wir Glück, und seine Lebensspanne ist bereits zu Ende.«

Tavoran spürte, dass sie diese Vermutungen nur äußerte, um sich selber zu beruhigen. Er fühlte, dass der Gott noch existierte, denn seitdem das Mal erschienen war, wurde er das Gefühl nicht mehr los, dass jemand – oder etwas – sich in seinen Gedanken breitmachte. Er entschied sich jedoch, Kerys nichts davon zu verraten.

»Ja, das könnte sein«, erwiderte er. »Du solltest dir wegen mir keine Sorgen machen.« Er zwinkerte ihr aufmunternd zu. »Glaub mir. Ich werde schon jemanden finden, der gewillt ist, mir zu helfen.«

Sie wollte etwas erwidern, doch er legte ihr die Hände auf die Schultern und blickte sie eindringlich an. »Lass das Ganze meine Sorge sein. Das hat mir dir nichts zu tun, und wenn dieser Gott noch leben sollte und er wirklich so gefährlich ist, dann ist es besser, wenn du dich von mir fernhältst.«

Er rang sich ein Lächeln ab. »Du sollst dich nicht mit den Problemen anderer Leute herumschlagen. Du solltest das tun, was du liebst und kannst, mein Traum von Khaleh.«

Sie lächelte, doch es erreichte ihre Augen nicht. Tavoran musterte sie noch einen kurzen Moment, dann ließ er sie los und trat an ihr vorbei.

»Wo willst du hin?«

Tavoran hielt in der Bewegung inne und drehte sich zu ihr um. »Das werde ich dir nicht verraten, Kerys. Und nun geh. Wir werden uns wiedersehen, wenn die ganze Sache vorbei ist.«

Damit drehte er sich auf dem Absatz um und ließ Kerys einfach stehen. Er bog willkürlich links und rechts ab und vergewisserte sich regelmäßig, dass sie ihm nicht doch heimlich folgte. Keinesfalls wollte er, dass sie ihm folgte, denn dort, wo er hin wollte, war sie als junge Magierin ein gefundenes Fressen.

Mit zügigem Schritt passierte er das Stadttor zur Unteren Stadt und tauchte in das Getümmel ein. Sein Ziel war ein Haus in einem weniger belebten Viertel der Stadt, nahe der östlichen Stadtmauer. Die Kreidezeichen an den Türzargen und Hausmauern wurden zahlreicher, denn hier herrschten die Krähen beinahe uneingeschränkt. Die Zwillingsherrscher liessen sie gewähren, solange Verran dafür sorgte, dass sich die Krähen unauffällig verhielten.

Das Haus, auf welches Tavoran zusteuerte, war wie die meisten Häuser in diesem Viertel eher klein. Die Mauern zur Gasse hin waren auch hier vom Boden bis über die Hälfte mit blauer Farbe gestrichen, die hier und da bereits abgeplatzt war und den darunterliegenden rötlichen Verputz wie eine Wunde aussehen ließ. Rußspuren über den verriegelten Fenstern verrieten, dass es hier einmal gebrannt haben musste. Auch wenn das Haus auf den ersten Blick nicht den Eindruck erweckte, dass es von jemandem bewohnt wurde, so wusste Tavoran, dass derjenige, den er suchte, zuhause war. Er roch es am beinahe überwältigenden Geruch von verbranntem Harz, der sich hartnäckig um das Haus zu ballen schien.

Tavoran warf einen Blick links und rechts die Gasse entlang. Ein paar Krähen kreuzten seinen Weg, doch sie grüßten ihn nicht, obwohl sie sich kannten. Vielmehr massen sie Tavoran mit unverhohlenem Misstrauen und Abneigung. Er wusste, dass es lediglich daran lag, dass er sich von den Krähen abgewandt hatte. Dass er sich hier frei bewegen durfte, konnte er nur Verran verdanken, denn dieser bestimmte darüber, wer für dieses Vergehen bestraft werden sollte. Sich in diesem Viertel zu bewegen bedeutete für ihn ein grosses Risiko. Aber scheinbar hatte sich Verran noch nicht entschieden, sich Tavorans Kopf bringen zu lassen.

Er trat an die grob gezimmerte, aber dennoch sehr solide Holztür und hob die Hand. Einen Augenblick lang hielt er den Fingerknöchel vor dem Holz in der Luft und wagte nicht, anzuklopfen.

Doch es blieb ihm nichts anderes übrig. Wenn ihm noch einer helfen konnte, dann war es Grutas. Der Magier hatte bereits den Krähen angehört, als Tavoran noch nicht einmal wusste, dass es sie gab, und er galt als skrupellos, gerissen und unbarmherzig. Freiwillig ließ sich keiner auf Geschäfte mit ihm ein.

Tavoran holte tief Luft und verdrängte das schmerzende Gefühl in seinem Magen. Entschlossen klopfte er an das Holz. Es dauerte einen Augenblick, bis er hinter der Tür Geräusche wahrnahm. Ein Scharren, gefolgt von einem gequälten Keuchen, ein eindringliches Flüstern und schließlich das Klirren von Ketten waren zu hören.

Dann öffnete sich die Tür.

Grutas blinzelte in die Sonne und Tavoran sah ihm an, dass er einen Augenblick brauchte, um zu begreifen, wer vor ihm stand. Die bernsteinfarbenen Augen weiteten sich vor Erstaunen, dann verengten sie sich zu Schlitzen. Der schmallippige Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen, das eine Reihe schrägstehender, fleckiger Zähne freigab. Bartstoppeln wucherten in seinem Gesicht, und seine gedrungene, hagere Gestalt täuschte sehr erfolgreich darüber hinweg, welche magische Macht der schmächtige Mann vor Tavoran besaß. In der Tat, mit diesem Mann machte man keine freiwilligen Geschäfte.

Grutas‘ heisere Stimme jagte Tavoran jedes Mal erneut einen Schauder über den Rücken. »Sieh mal einer an. Tavoran Maras, welch eine Überraschung.« Er grinste noch ein Stück teuflischer. »Ich hoffe, du bist hier, um deine Schulden zu bezahlen.«



Verpasse kein Kapitel!
Trage dich in den Newsletter ein und ich informiere dich jede Woche bequem per Mail, wenn das neueste Kapitel online ist.
Ich versende keinen Spam und behandle deine E-Mail-Adresse vertraulich.