Kapitel 28:
Nur tot ist besser

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Kerys und Tavoran folgten dem Magier in das Innere seines Hauses. Kharmek führte die beiden durch einen kurzen Gang, vorbei an einer kleinen Küche, in der ein offenes Feuer flackerte und ein Koch zu Werke war. Es roch nach Rauch, frischem Brot und Kräutern, und Tavoran lief das Wasser im Mund zusammen.

Kharmek führte die beiden weiter in ein kunstvoll geschmücktes Zimmer. Aufwändige Mosaike auf dem Boden und an den Wänden zierten den Raum, in jeder Ecke stand eine kleine Feuerschale auf einem hohen Sockel, die jedoch allesamt nicht brannten. In der Mitte des Raumes stand ein niedriger Tisch, darum herum lagen vier große Sitzkissen verteilt. Auf dem Tisch standen bereits mehrere Schalen voller Obst und Oliven, dazwischen lagen ein bereits angebrochenes aber noch warmes Fladenbrot, Käse und getrocknetes Lammfleisch.

Kharmek deutete auf zwei der Kissen, die ein bisschen weniger prunkvoll verziert waren als jenes, von dem Tavoran annahm, dass es Kharmeks war. 

»Darf ich bitten?«

Kharmek zwinkerte Kerys zu, welche zu Tavorans Überraschung beinahe verlegen die Augen niederschlug, zum Dank nickte und auf das eine Kissen zuging. Mit einer geschmeidigen Bewegung, die Kharmek voller Wohlwollen beobachtete, ließ sich Kerys im Schneidersitz darauf nieder. Tavoran tat es ihr nach, suchte sich jedoch jenes Kissen aus, welches von Kharmek am weitesten entfernt war.

Kaum als sie Platz genommen hatten, erschien die Bedienstete, die sie draußen im Innenhof angetroffen hatten. Sie trug ein kleines Tablett, auf welchem sie drei dampfende Becher balancierte.

Der Geruch von Honigwein stieg Tavoran in die Nase und ein Kribbeln breitete sich in seinem Magen aus. Es war schon eine Weile her, seit er sich das letzte Mal einen Schluck Alkohol gegönnt hatte, und nach all dem, was er bisher erlebt hatte, hatte er nichts gegen einen Becher einzuwenden. Er hoffte, dass Kharmek einen ebensolch guten Geschmack in Sachen Honigwein bewies, wie in der Einrichtung seines Hauses.

Kharmek nahm die Becher vom Tablett und reichte sie seinen Gästen. Dann nahm er den letzten vom Tablett, nickte der Bediensteten zu, die wieder verschwand, und hob den Becher ein Stück in die Luft.

»Auf unser aller Wohl.«

Tavoran nickte dem Magier zu und roch mit geschlossenen Augen am heißen Getränk. Verschiedene Noten von Honig mit einem Hauch Zimt stiegen ihm in die Nase, und natürlich der beruhigende Geruch von Alkohol. Er nahm einen großen Schluck und genoss die Wärme in seinem Inneren, die sich ausbreitete. Es war in der Tat ein vorzüglicher Honigwein.

»Was führt euch zu mir?«, fragte Kharmek schließlich und brach das Schweigen. Auch wenn er die Frage nicht an jemanden bestimmten gerichtet hatte, so spürte Tavoran, dass er eine Antwort von Kerys erwartete. Seine bernsteinfarbenen Augen blitzten vergnügt, als sein Blick zwischen Tavoran und Kerys hin- und herwanderte.

»Wir brauchen deine Hilfe«, sagte Kerys zu Tavorans Überraschung geradeheraus. Nicht nur er schien von ihrer Antwort überrumpelt zu sein, auch Kharmek hielt einen Augenblick inne und zog dann eine Augenbraue hoch.

»Das war jetzt nicht die Antwort, die ich erwartet habe, meine Liebe«, entgegnete er schließlich und lächelte. »Aber ich mag es, wenn du direkt bist«, ergänzte er und nahm besonnen einen Schluck von seinem Honigwein. Dann stellte er den Becher auf den Tisch, legte die Fingerspitzen aneinander und stützte seine Ellenbogen auf den Knien auf. »Wenn es mit deiner wohl erst kürzlich geschehenen Verbindung mit dem Lesh’Rakha zu tun hat, dann …«

»Damit hat es nichts zu tun«, unterbrach ihn Kerys. Tavoran entging nicht, wie die Miene des Magiers einen kurzen Moment erstarrte. Allen Anschein nach war er es sich nicht gewohnt, dass er unterbrochen wurde, aber Kerys schien einen besonderen Stein im Brett zu haben, denn Kharmek lächelte und tippte sich mit den ausgestreckten Zeigefingern ans Kinn. »Nun denn, meine Liebe, ich bin gespannt.«

Seine Stimme klang für Tavorans Geschmack ein Stück zu spöttisch. Er mochte es nicht, wie der Magier mit Kerys umging, aber es erstaunte ihn nicht. Tavoran kannte keinen Stadtmagier, der nicht in irgend einer Form an Überheblichkeit litt, und mit Kharmek schien es nicht anders zu sein.

Kerys straffte ihren Rücken und holte Luft, um ihm zu antworten, doch bevor sie ein Wort sagen konnte, streckte er den Zeigefinger in die Luft und zwinkerte ihr zu. »Einen Moment bitte. Bevor du mir das Geheimnis eures Besuches verrätst, will ich selber raten.«

Seine Miene wurde übergangslos ernst, als er den Blick zu Tavoran wandte. Als er weitersprach, klang seine Stimme um einige Grade kühler. »Du trägst ein Artefakt bei dir, von dem du keine Ahnung hast, was es wirklich ist. Darf ich es sehen?«, fragte Kharmek. Die Art, wie er die Frage stellte, ließ sie eher als Aufforderung klingen, und er streckte fordernd die Hand aus. Tavoran war nicht sonderlich überrascht, dass Kharmek wusste – oder zumindest spürte -, dass er den Dolch bei sich trug. Er warf einen Blick zu Kerys hinüber, die fast unmerklich nickte.

Alles in Tavoran sträubte sich dagegen, dem Magier den Dolch in die Hand zu geben. Aber er wusste, dass es jetzt zu spät war, über die Konsequenzen nachzudenken.

Widerwillig griff er an seinen Gürtel und löste die Dolchscheide. Die Waffe lag schwer in seiner Hand und fühlte sich an, als würde sie an Gewicht zulegen, je weiter er sie von sich entfernte. Er streckte den Dolch Kharmek entgegen, doch anstatt dass der Magier die Waffe ergriff, beugte er sich ein Stück weiter vor und betrachtete sie in Tavorans Hand, ohne sie zu berühren.

»Interessant«, murmelte er schließlich. »Bitte, ziehe die Klinge aus der Scheide.«

Tavoran vernahm den schwachen Geruch nach verbranntem Harz. Doch er konnte nicht sagen, wer von den beiden Magiern im Raum Magie wirkte und wozu. Seine Finger wanderten zum Griff, umschlossen ihn fest und zogen schließlich das Messer aus der Scheide. Der schwarze Obsidian glänzte und die Muster auf der Klingenoberfläche wirkten, als würden sie sich bewegen.

»Sehr interessant«, murmelte Kharmek, diesmal mehr zu sich als zu den beiden anderen. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Gesicht nahm einen angespannten Ausdruck an. Dann richtete er sich mit einem Ruck auf und fixierte Kerys‘ Blick. Der Geruch nach verbranntem Harz wurde stärker.

»Was habt ihr mit Göttern zu schaffen?« Seine Stimme hatte auf einen Schlag allen Wohlwollen verloren. 

Tavoran konnte nicht sagen, woher Kharmek seine Vermutung nahm. Er war sich nicht sicher, ob magische Artefakte gemeinhin mit den Göttern in Verbindung standen, oder ob der Magier den Dolch kannte. Er entschied sich, Kerys antworten zu lassen.

»Das ist unfreiwillig geschehen und deswegen sind wir hier«, antwortete sie. »Wir brauchen deine Hilfe, weil ich niemand anderen kenne, der in Flüchen von Göttern so bewandert ist, wie du.«

Falls Kerys sich erhofft hatte, den Magier ein wenig zu beruhigen, so hatte ihr Kompliment nichts bewirkt. Kharmek musterte sie noch immer mit scharfem Blick und Tavoran spürte, dass die Aufmerksamkeit des Magiers sowohl auf ihr, als auch auf ihm lag. Von einem Augenblick auf den anderen war die Stimmung gekippt, und die anfängliche gemütliche Gastfreundschaft war einer kühlen und abwartenden Aura gewichen. Tavoran kam sich auf einmal wie ein Eindringling vor.

Als Kharmek schwieg, fuhr sie mit leichtem Zittern in der Stimme fort: »Tavoran ist verflucht, und ich bin nicht in der Lage, ihm zu helfen.«

Kharmek verschränkte die Arme und löste den Blick von Kerys. Er musterte erst den Dolch in Tavorans Händen und schließlich ihn mit nachdenklichem Blick. Dann gab er Tavoran mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass er den Dolch wieder in die Scheide zurückstecken sollte. Während Tavoran den Dolch wieder am Gürtel befestigte und sich das vermeintliche Gefühl von Sicherheit wieder ein wenig einstellte, entging ihm nicht, dass Kharmek ihn ohne Unterbruch beobachtete.

»Also hatte ich mit meiner Vermutung Recht«, sagte der Magier schließlich. »Du bist ein interessanter Mann, Tavoran Maras. Du trägst das Mal und den Dolch des Seelensammlers.«

»Das weiß ich bereits selber«, entgegnete Tavoran schärfer als beabsichtigt. 

Kharmek grinste, aber sein Blick blieb kühl. »Das ist gut. Dann weißt du hoffentlich auch, mit wem du dich angelegt hast.« Er wurde wieder ernst und wandte sich an Kerys. »Und dass du mich und mein Haus damit in große Gefahr gebracht hast. Ja, wahrscheinlich sogar die ganze Stadt. Bei aller Liebe, meine Teuerste, ich muss dir sagen, das war sehr töricht von dir.«

Er stand auf und deutete den beiden anderen an, es ihm gleichzutun. Dann breitete er einen Arm aus und deutete zur Tür.

»Ich will damit nichts zu tun haben, mein Traum von Khaleh. Ich gebe euch genügend Zeit, die Stadt zu verlassen, bevor ich auf diesen Umstand reagieren muss, wie ich in meinem Eid geschworen habe.«

Kerys blickte den Magier überrascht an. »Das heißt, du willst mir nicht helfen?«

Kharmek ergriff ihre Hände und drückte sie. »Meine Liebe«, sagte er und lächelte, »du weißt, dem Traum von Khaleh kann ich keine Bitte abschlagen und ich würde dir sofort helfen, wenn ich es könnte. Aber du solltest wissen, dass Flüche von Göttern von niemandem gelöst werden können.«

»Was heißt das?«, fragte Tavoran unwirsch.

Kharmek löste beinahe widerwillig den Blick von Kerys und warf ihm einen abschätzigen Blick zu.

»Das heißt, dass du den Fluch nur loswerden kannst, wenn du stirbst.«


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