Kapitel 26:
Der Morgen danach

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Tavorans Gelenke schmerzten, als er erwachte. Er konnte nicht genau sagen, ob der Schmerz in seinem Körper von den Überresten der Magie herrührte, oder ob es einfach daran lag, dass er die ganze Nacht über im Sitzen geschlafen hatte. Während er langsam seine Beine bewegte und sich die Arme massierte, um das stechende Kribbeln zu vertreiben, warf er einen Blick auf Kerys Bettstatt.

Kerys war nicht da.

Stirnrunzelnd sah er sich im schummrigen Zelt um, durch dessen Eingang schwaches Dämmerlicht hereindrang. Von Kerys war nichts zu sehen. Tavoran erhob sich mit steifen Gliedern, prüfte den Sitz seiner Kleidung und verließ das Zelt.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, kündigte aber mit einem hellen Streifen am Horizont ihr Kommen an. Draußen war die Luft kühl und klar, und nach der Nacht im stickigen Zelt kam sie Tavoran wie ein Lebensretter vor. Es nahm einen tiefen Atemzug und genoss die Frische, die sich in ihm breitmachte und das bedrückende Gefühl von der letzten Nacht zum Verschwinden brachte.

Das Lager war ruhig, die meisten der Gaukler schienen noch zu schlafen. Jemand hatte das Lagerfeuer die Nacht über am Laufen gehalten, denn er sah flackernden Feuerschein an den Zeltwänden tanzen.

Er fand Kerys und Rinayas am Lagerfeuer vor und sich miteinander unterhalten. Er konnte nicht sagen, wie lange die beiden schon hier sassen und überlegte einen Augenblick, ob er sie in ihrem Gespräch unterbrechen sollte, oder ob es besser war, wenn er einfach verschwinden würde. Vielleicht hatten sie ihn noch nicht gesehen.

Sein Blick fiel auf Kerys, die sich in eine Decke gehüllt und nahe ans Feuer gesetzt hatte. Ihre gekrümmte Haltung und die langsamen Bewegungen verrieten ihm, dass sie sich nicht so gut erholt hatte, wie er erhofft hatte. Allem Anschein nach hatte die Nacht doch einen größeren Tribut gefordert, als sie erst zugegeben hatte.

Nein, er konnte nicht einfach verschwinden, das würde sie ihm nach all dem, was sie für ihn getan hatte, nicht verzeihen. Tavoran atmete einmal tief durch, straffte die Schultern und ging zum Lagerfeuer hinüber.

Rinayas und Kerys sassen mit untergeschlagenen Beinen auf kleinen, farbenfrohen Teppichen und blickten auf, als er sich näherte. Rinayas hatte sich soeben eine Dattel in den Mund gesteckt und hielt überrascht in der Bewegung inne, als er Tavoran erblickte. Ihr Gespräch verstummte abrupt und Rinayas starrte ihm mit finsterem Blick entgegen.

»Sieh mal einer an«, begann er. Seine Stimme klang alles andere als freundlich. »Dass du dich noch traust, mir unter die Augen zu treten.« Er spie den Stein Tavoran entgegen und verfehlte seine Füße nur knapp.

Er konnte Rinayas Unmut verstehen. Doch Tavoran kannte Kerys‘ Bruder lange genug und wusste, dass es nichts nützen würde, wenn er sich bei ihm entschuldigte. Rinayas erwartete von ihm, dass er es bei Kerys tat. Und Tavoran wusste auch, dass Rinayas‘ Gunst davon abhing, wie sie die Entschuldigung annahm. Er warf Rinayas einen flüchtigen Blick zu und wandte sich an Kerys.

»Wie geht es dir?«

Sie blickte ihn aus müden Augen an, die in dunklen Höhlen lagen. Ein leichter bernsteinfarbener Schimmer lag über ihnen, aber der konnte auch vom Schein des Lagerfeuers herrühren, der sich in ihren Augen spiegelte. In ihren Händen hielt sie einen Becher dampfenden Kräutertees, dessen würziger Duft Tavoran sogleich in die Nase stieg. Er kannte nicht alle Kräuter, die sie verwendet hatte, aber bei einem war er sich sicher, dass es bei Schwächeanfällen eingesetzt wurde.

»Gut«, sagte sie, aber er sah ihr an, dass es eine Lüge war.

»Es tut mir leid, dass ich so viel von dir verlangt habe«, sagte er. »Ich hätte das nicht tun sollen.«

»Das fällt dir reichlich spät ein«, knurrte Rinayas.

Kerys hob eine Hand und legte sie ihrem Bruder besänftigend auf den Unterarm. »Lass gut sein.«

Energisch riss er den Arm hoch und schüttelte ihre Hand ab. »Nichts ist gut!«, rief er aus. »Er bringt dich bereits das zweite Mal innerhalb weniger Tage in Schwierigkeiten und setzt in voller Absicht dein Leben aufs Spiel!« Er warf Tavoran einen zornigen Blick zu. »Und wozu? Damit er wieder einmal bekommt, was er will – koste es, was es wolle.«

»Lass gut sein, Rinayas«, wiederholte Kerys. Tavoran erschrak, als er hörte, wie matt ihre Stimme klang. »Es war auch meine Entscheidung, ihm zu helfen.«

»Das mag sein. Aber ich werde nicht zulassen, dass er sich weiter einfach nimmt, was er will, ohne Rücksicht auf andere. Ohne Rücksicht auf dich.« Rinayas hatte sich erhoben und stand Tavoran nun eine halbe Armeslänge gegenüber. Dieser konnte die Wut beinahe mit den Händen greifen, die ihm von Kerys‘ Bruder entgegenschlug. Einem fremden Impuls folgend tastete seine Hand nach dem Obsidiandolch an seiner Seite, er hielt jedoch erschrocken inne, bevor er ihn erreichte. Ein seltsames Gefühl der Enttäuschung keimte in ihm auf, als er die Hand mit einiger Willensanstrengung zurückzog.

»Ich kann meiner Schwester nicht verbieten, dir zu helfen, wenn sie das unbedingt will – auch wenn ich das nicht verstehen kann«, sagte Rinayas in drohendem Tonfall. »Aber warne dich, Tavoran. Wo auch immer du hineingeraten bist, lass uns damit in Ruhe, und lass vor allem meine Schwester aus dem Spiel.« Er packte Tavoran am Hemdkragen und zog ihn ein Stück zu sich heran. Tavoran musste den Impuls unterdrücken, die Hand wegzuschlagen.

»Du bist eine Gefahr für uns alle, also verschwinde aus unserem Lager und lass dich hier nicht wieder blicken.«

Aus den Augenwinkeln sah Tavoran, dass sich Kerys nun ebenfalls erhoben hatte. Sie drängte sich zwischen die beiden, griff nach Rinayas Hand und löste seinen Griff.

»Das wird er gleich«, sagte sie an ihren Bruder gewandt. Dann drehte sie sich zu Tavoran um. »Rinayas hat Recht, du musst von hier verschwinden.«

Sie packte  ihn am Unterarm und zog ihn ein paar Schritte mit sich. »Ich habe nachgedacht«, sagte sie. »Ich kann dir nicht helfen, aber ich helfe dir jemanden zu finden, der es kann.«

»Das musst du nicht für mich tun, du hast bereits genug getan«, entgegnete Tavoran.

»Alleine kommst du aus dieser Sache aber nicht heraus«, sagte Kerys und ein trauriges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. »Und wenn ich meinen Freund nicht an den Morash’Sul verlieren will, brauchen wir Hilfe.«

»Was hast du vor?«

»Ich bringe dich zu jemandem, der das tun kann, was wir nicht können.«


Nach einem kurzen Frühstück mit gegorener Stutenmilch, etwas Fladenbrot und Käse waren sie aufgebrochen. Kerys hatte Tavoran nicht verraten, wo sie ihn hinführen wollte, und er hatte nach ein paar Versuchen aufgegeben, sie danach zu fragen.

Bevor sie das Lager verlassen hatten, hatte Rinayas seine Drohung wiederholt und ihm verboten, ins Lager zurückzukehren. Er konnte Kerys’ Bruder verstehen und nahm es ihm nicht übel. Und das Letzte, was er wollte, war, die Gaukler in diese Sache hineinzuziehen. Es reichte schon, wenn Kerys sich nicht davon abbringen ließ.

Die Sonne war aufgegangen und versprach einen weiteren heißen und trockenen Tag. Doch die hellen Flachdachhäuser von Catun, die sich an den Hügel der Stadtfestung schmiegten, lagen noch in dessen Schatten und so herrschte zwischen den Häusern noch eine angenehme Kühle.

Die schmalen Gassen, durch die Kerys ihn führte, waren mehrheitlich noch verlassen, aber auf den Plätzen und bei den Brunnen sammelten sich die ersten Händler und Waschfrauen. Zu Tavorans Erleichterung wich Kerys geschickt den Wachen und den Stadtmagiern aus und führte ihn zielstrebig durch die untere Stadt.

Die ganze Zeit verlor sie kein Wort. Auch auf Tavorans weitere Versuche, wenigstens herauszufinden, wo sie ihn hinführte, reagierte sie nicht.

Je näher sie sich der oberen Stadt näherten, umso nervöser wurde sie. Ihr Kiefer war angespannt, die Lippen hatte sie zusammengepresst und sie vermied es, ihn anzuschauen. Als sie schließlich das Tor zur oberen Stadt passierten, zog sich sein Magen zusammen.

»Du willst zu einem Stadtmagier?« Ein beunruhigendes Gefühl breitete sich in ihm aus. »Du bist verrückt.«

Als Kerys nicht reagierte und einfach weiterging, packte er sie am Arm und hielt sie zurück. »Rede endlich mit mir!«

Sie blieb stehen und riss sich mit einer energischen Bewegung los. »Uns bleibt nichts anderes übrig«, gab sie unwirsch und mit lauter Stimme zurück, biss sich aber sogleich auf die Lippen, als sie sah, dass sich einige Passanten nach ihr umdrehten und sie mit argwöhnischem Blick betrachteten.

»Wir müssen. Ich weiß nicht, wie ich dir sonst helfen kann«, fügte sie nun mit leiserer Stimme hinzu.

»Das ist gefährlich und das weißt du«, gab Tavoran zurück. Kerys wusste nicht, dass er den Dolch aus dem Gemach der Zwillingsherrscherin gestohlen hatte, daher konnte sie auch nicht ahnen, in welche Gefahr sie ihn brachte, sollte der Diebstahl bereits aufgefallen sein. Denn dann hätten die Zwillingsherrscher bestimmt schon alle Wachen und Stadtmagier darüber informiert.

Aber Kerys ging ein erhebliches Risiko ein, wenn sie sich einem Stadtmagier gegenüberstellte. Sie war unerfahren, die Stadtmagier hingegen gehörten zu den mächtigsten Magiern des Landes, ausgebildet bei den besten Meistern aus ganz Amyrien. Ein Stadtmagier konnte ohne weiteres Kerys’ Verbindung zum Ur-Geist zerstören, sie ihrer magischen Kraft berauben und als willenloses Etwas zurücklassen. Und es war sein gutes Recht: In Catun wurden fremde Magier nicht geduldet, vor allem jetzt, da magischer Bernstein knapp geworden war.

»Keine Sorge, ich weiß, was ich tue«, versicherte sie ihm, aber Tavoran hörte, wie sie einen kurzen Moment zögerte. Sie blickte einen Augenblick die Gasse entlang und schien zu überlegen. Dann blinzelte sie, drehte sich wieder um und ging mit energischen Schritten weiter, sodass Tavoran nichts mehr erwidern konnte.

»Und jetzt komm, das Haus ist gleich da vorne.«


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