Kapitel 24:
Wieder da

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Die Stimme eines Mannes drang durch die Schwärze an Tavorans Ohr. Tavoran konnte nicht verstehen, was er der Mann fragte, denn er verstand die Sprache nicht, aber die Stimme kam ihm vage bekannt vor.

Tavoran hatte einige Mühe, die Augen zu öffnen, und er brauchte ein paar Augenblicke, um zu begreifen, wo er sich befand. Als er die verklebten Lider schließlich mit einiger Anstrengung öffnen konnte, erkannte er über sich im schwachen Licht einer Lampe die dicken Stoffe eines Zelthimmels. Unter seinem Rücken fühlte er eine weiche Bettstatt und die Luft war stickig und roch nach verbrannten Kräutern, Rauch und Harz.

Eine weibliche Stimme antwortete in derselben Sprache, in ihrem Klang schwang leichte Besorgnis mit. Auch diese Stimme kam ihm bekannt vor, vor allem die kehligen Laute, aber er brauchte noch ein paar Augenblicke, um alle Teile in seinem Verstand richtig zusammenzusetzen.

»Kerys?«

Tavorans Stimme klang heiser und war beinahe ein Flüstern. Seine Kehle schmerzte und als er anstelle eines Räusperns nur ein trockenes Husten hervorbrachte, schmeckte er Blut.

»Tavoran!«

Kerys’ Gesicht erschien über ihm. Sie sah ernsthaft besorgt drein, die Augenbrauen eng zusammengezogen, der Blick ihrer dunklen Augen ebenso tadelnd wie voller Sorge. Er sah an ihren Kiefermuskeln, wie angespannt sie war. Was war geschehen?

Doch bevor er eine Frage stellen konnte, hob sie die Hand und legte den Zeigefinger auf seine Lippen.

»Warte. Nicht reden. Erst trinkst du das hier.« Sie verschwand aus seinem Blickfeld und er hörte, wie sie mit einigen Gefäßen hantierte. Tavoran wandte ächzend den Kopf, um zu sehen, was Kerys tat, doch sie hatte ihm den Rücken zugewandt und versperrte ihm die Sicht. Einige Augenblicke später drehte sie sich zu ihm um, schob eine Hand unter seinen Kopf und setzte ihm eine kleine Phiole an die Lippen.

Er spürte ein feines Kribbeln, als Kerys die Phiole langsam kippte und die Flüssigkeit seine Haut berührte. Der Geschmack von verbranntem Harz machte sich in seinem Mund breit und sofort brandete Überraschung und Wut in ihm auf. Was fiel ihr ein, ihm einen magischen Trank einzuflößen?

Er wandte den Kopf mit einem Ruck ab und wollte die Flüssigkeit ausspucken, doch Kerys packte ihn mit überraschender Schnelligkeit, hielt seinen Kopf mit der einen Hand fest und presste die andere auf seinen Mund.

»Das lässt du schön bleiben«, knurrte sie und Tavoran spürte, wie wütend sie war. Ihr Blick bohrte sich in seinen und für einen kurzen Moment glaubte er zu sehen, wie ihre Augen schwach bernsteinfarben aufleuchteten. Trotzig hielt er ihrem Blick stand, doch er spürte, wie die Flüssigkeit auf seiner Zunge und am Gaumen immer stärker kribbelte und sich zudem eine leichte Taubheit einstellte.

Er verlor den stummen Zweikampf. Tavoran blähte die Nasenflügel, atmete angestrengt durch die Nase ein und schluckte schließlich den magischen Trank. Die Flüssigkeit rann seine Kehle hinunter und Tavoran spürte die angenehme Taubheit, die sich in ihm breitmachte. Das Kratzen in seinem Hals ließ nach und das Atmen fiel ihm mit jedem Atemzug ein kleines Bisschen leichter. Kerys ließ ihn währenddessen nicht aus den Augen. Argwöhnisch musterte sie sein Gesicht und ließ die Hand länger als nötig auf seinen Mund gepresst. Schließlich nickte Tavoran schwach, und als er resigniert und erschöpft die Augen schloss, spürte er, wie sie ihren Griff lockerte und die Hand von seinem Mund nahm.

»Jetzt kann er deine Fragen beantworten, Rinayas«, sagte Kerys knapp, und Tavoran hörte, wie sie sich abwandte und ein paar Schritte von ihm entfernte.

»Warum kommst du her und greifst uns an, Tavoran?«, fragte Rinayas, dessen Stimme irgendwo hinter Tavoran ertönte. Sie klang zu Tavorans Überraschung weder feindselig noch anklagend, sondern vielmehr neugierig.

Tavoran runzelte die Stirn. Wann sollte er die Gaukler angegriffen haben? Er versuchte angestrengt, sich zu erinnern, aber mehr als eine mondbeschienene Ebene voller Nebel …

Sein Herz setzte einen Schlag aus, nur um anschließend umso härter weiter zu schlagen. Eine Welle der Panik brandete vom Kopf bis zu seinen Füssen durch den ganzen Körper.

»Der Nebel!« Tavoran riss die Augen auf und wollte sich abstützen, damit er sich aufsetzen konnte, doch jemand hatte seine Arme an den Handgelenken vor seinem Körper aneinandergebunden.

»Was …«

Er verstummte und wandte fragend den Kopf zu Kerys. »Was tut ihr mit mir?«

Er spürte, wie sich eine warme Hand auf seine Schulter legte und ihn mit bestimmtem Druck wieder auf die Bettstatt zurückdrängte.

»Welcher Nebel, Tavoran?« Rinayas hatte sich über Tavoran gebeugt, hielt ihn an der Schulter fest und mass ihn mit einem undeutbaren Blick.

Verwirrt blinzelte Tavoran und versuchte, seine Gedanken zu ordnen.

»Der Nebel draußen, auf der Ebene. Oder nein, er ist überall, in der ganzen Stadt«, murmelte er. »Der Nebel mit den Schatten.«

»Er redet wahrscheinlich vom Seelennebel«, warf Kerys ein. Sie hatte die Phiole wieder auf dem kleinen Tischchen abgestellt und aufgehört, in ihren Sachen herumzukramen. Jetzt kam sie mit einigen leichten Schritten an die Bettstatt heran, auf der Tavoran lag, und ließ sich lautlos in den Schneidersitz sinken. Nachdenklich musterte sie erst sein Gesicht, dann wanderte ihr Blick weiter nach unten zu seiner Brust.

»Sag, was hast du bloss angestellt, Tavoran?«


Er hatte den beiden alles erzählt. Von der Begegnung mit Yihun, seinem Auftrag, den Dolch zu besorgen und vom Versprechen, das der Magier Tavoran gegeben hatte. Vom Mord an der jungen Frau, die ein Gefäß für Lyndias Seele werden sollte und von Yihuns Tod. Lediglich den Besuch bei Saleja verschwieg Tavoran. Die beiden mussten nicht wissen, von wem er den Dolch gestohlen hatte. Denn würde der Diebstahl eines Tages bekannt werden, so wollte er nicht, dass Kerys und Rinayas davon wussten und seinetwegen in Gefahr gerieten.

Als er vom Nebel und den Schatten berichtete, die ihn seit dem Tod des Magiers begleiteten, bemerkte er, wie Kerys und Rinayas einige Blicke tauschten, aber weiterhin schwiegen.

»Und dann ist plötzlich einer dieser Schatten vor mir aufgetaucht, ich bin gestürzt und schliesslich in eurem Zelt aufgewacht.«

Rinayas nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Nicht ganz. Du hast mich mit einem Dolch angegriffen, bist gestürzt und hast sogar im Liegen versucht, mich zu töten.« Er grinste. »Zum Glück hast du nicht getroffen«, sagte er und wurde sogleich wieder ernst. »Deswegen haben wir dich festgebunden. Du hast dich gewehrt wie ein wildgewordener Eber.«

Tavoran hob seine zusammengebundenen Hände und blickte Rinayas fragend an. Der zögerte einen Moment, dann öffnete er mit geschickten Fingern den Knoten und löste das Seil um Tavorans Handgelenke.

Kerys hatte die ganze Zeit geschwiegen, und als Tavoran den Kopf wandte und zu ihr hinüber sah, fing er ihren fassungslosen Blick auf und er konnte ihr ansehen, dass ihre Gedanken Purzelbäume schlugen. Schließlich schnaubte sie verächtlich, schloss die Augen und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel.

»Erkläre mir bitte eines, Tavoran«, begann sie langsam und ohne ihn anzusehen. »Warum lässt ausgerechnet du, der Magier über alles hasst, dich auf ein solches Geschäft ein?« Sie hob den Blick und starrte ihn an. »Bist du denn von allen guten Sinnen verlassen?«

»Weil er mir Lyndia hätte wiederbringen können«, antwortete Tavoran trotzig. Er wollte sich nicht vor Kerys rechtfertigen oder erklären. Seine Beweggründe gingen sie nichts an.

»Aber Lyndia ist tot!«, rief Kerys aus und warf die Arme in die Luft.

»Nicht, solange ihre Seele zurückgebracht werden kann«, entgegnete Tavoran scharf. Ächzend stemmte er sich auf die Ellenbogen und richtete sich auf. »Und solange die Möglichkeit besteht, sie wiederzusehen, werde ich nichts unversucht lassen, alles dafür zu tun.«

»Und das hier ist es wert?« Sie machte eine Kopfbewegung zu seiner Brust. »Dass du jetzt einen Fluch mit dir herumträgst und der Seelensammler hinter dir her ist?« Sie machte eine kurze Pause und blickte ihn mit geneigtem Kopf an.

»Sag, Tavoran, hörst du schon seine Stimme in deinen Gedanken? Hörst du schon, wie er nach deiner Seele ruft?«

»Woher weisst du das?«

»Also hörst du sie.«

Er lauschte in sich hinein. Zu seiner Überraschung waren die Stimmen verschwunden. Und auch der Nebel war noch nicht wieder durch die Zeltwände hereingekrochen. Konnte es sein, dass dieser Spuk nun endlich ein Ende gefunden hatte?

Seine Hoffnungen zerstreuten sich jedoch jäh, als er das schwarze Muster mit den verschlungenen Linien auf seiner Brust entdeckte. Wenn Kerys recht hatte, und es sich hierbei um den Fluch des Seelensammlers handelte, war es nur eine Frage der Zeit, bis der Gott ihm auf die Spur kam und sich nahm, was er wollte. Ihm lief die Zeit davon, er musste von hier verschwinden.

»Ich brauche deine Hilfe, Kerys.«

»Ich kann den Fluch nicht brechen, falls du das meinst.«

Tavoran schüttelte langsam den Kopf und setzte sich ganz auf. Er nahm Kerys Hand in seine und spürte, wie eiskalt sie war.

»Das meine ich nicht«, antwortete er. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, und er hoffte, dass ihm seine Aufregung nicht anzusehen war.

»Aber du …«

»Ich weiss, dass du nicht so mächtig bist, um den Fluch eines Gottes zu lösen«, antwortete Tavoran. »Aber ich weiss, dass du mehr über den Dolch der Seelen weisst, als du zugibst.«

Kerys blickte ihn aus aufgerissenen Augen an. »Bitte verlange das nicht von mir.«

Tavoran nickte und umfasste ihre Hand noch fester. »Doch, Kerys. Du bist die Einzige, die mir noch helfen kann. Ich habe niemand anderen.«

Er machte eine kurze Pause und räusperte sich. »Bitte bringe mir meine Lyndia zurück. Dies ist meine einzige Bitte an dich als Magierin.«


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