Kapitel 23:
Erneut versagt

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Auch draußen vor dem Tor wartete der Nebel auf Tavoran. Er waberte zwischen den armseligen Hütten der Ärmsten von Catun hervor und griff mit dünnen, weißen Fingern nach seinen Knöcheln. Bei jedem Schritt zerstob der Nebel, um sogleich das entstandene Loch hinter ihm wieder zu schliessen.

Der Mond hing als dünne Sichel am wolkenlosen Sternenhimmel und spendete schwaches, kränkliches Licht. Wann immer Tavoran den Blick hob und zu ihm hinaufsah, verschwamm der Mond im Takt seines Herzschlags und wurde zu zwei Sicheln, die eine leicht verschoben zur anderen und ein wenig schwächer. Es kam ihm vor, als blickte er auf die Monde zweier Welten, die einander zwar glichen, aber dennoch grundlegend anders waren.

Das Gauklerlager lag mitten in einem Meer aus weissem Nebel, lediglich die Fackeln und das Lagerfeuer warfen orangerotes Licht in den Dunst. Tavoran beschleunigte seine Schritte und hielt direkt auf die rettenden Lichter des Lagers zu. Dabei vermied er es, einen Blick hinaus auf die Ebene zu werfen. Er wusste, dass im fahlen Licht der beiden Monde schwarze Schatten standen und auf ihn warteten. Das Gefühl, beobachtet und verfolgt zu werden, hatte wieder zugenommen, als er die Stadt verlassen hatte. Auch die Stimmen waren wieder da, zwar waren es nicht mehr so viele wie vorhin, aber dafür konnte er sie nun besser verstehen. Zu seiner Überraschung waren die zornigen beinahe ganz verschwunden, dafür hatten sie jenen Platz gemacht, die ihn anflehten, sie zu retten.

Die Stimme, die nicht verschwunden war, war jene, die tief in seinem Inneren etwas zum Vibrieren brachte. Ein beunruhigendes Gefühl überkam ihn, denn sie klang jetzt lauter und klarer. So, als wäre derjenige, dem sie gehörte, nähergekommen. Kalter Schweiß rann ihm den Rücken hinunter, und obwohl er beinahe rannte und es eine angenehm laue Nacht war, fröstelte er.

Tavoran!

Er hörte die Stimme in seinem Kopf, noch bevor er den Schatten sah. Tavoran sog überrascht die Luft ein und blieb stehen, als ein paar Schritte vor ihm von einem Augenblick auf den anderen schwarzer Rauch aus dem Nebel emporstieg, sich verdichtete und die Form eines Menschen annahm.

Bitte, rette mich, noch ist es nicht zu spät!

Der Schatten besaß die Stimme einer Frau und sie kam Tavoran vage bekannt vor, er konnte sie jedoch niemandem zuordnen, den er kannte.

Du schuldest es mir!

Der Schatten bewegte sich träge auf ihn zu und gewann dabei weiter an Schwärze. Tavoran riss sich aus seiner Starre und schlug einen Haken, um den Schatten zu umlaufen.

Du hast mir nicht die Wahrheit erzählt!

Zu Tavorans Überraschung bewegte sich der Schatten nun ebenfalls schneller und die Stimme in seinem Kopf klang klarer – und wütender.

Ich habe dir vertraut!

Tavoran warf einen Blick zum Lager, das noch etwa dreissig Schritte von ihm entfernt war, und dann zurück zum Schatten, der immer näher kam. Er würde es nicht bis zum Lager schaffen.

Tavoran!

Er keuchte auf, als der Schatten nach ihm griff, duckte sich und entkam der Berührung um Haaresbreite. Während er mit ausgreifenden Schritten zum Lager stürzte, zog er seinen Dolch.

Dann zuckte stechender Schmerz durch seinen Fußknöchel, als er unglücklich in eine Mulde trat, die er wegen des dichten Bodennebels übersehen hatte. Er schrie überrascht auf und geriet aus dem Gleichgewicht.

»Tavoran!«

Noch während er zu Boden fiel, sah er den Schatten, der mit einem Mal auf eine Armeslänge zwischen ihm und dem rettenden Lagerfeuer stand und die schwarzen Arme ausgebreitet hatte.

Der Aufprall auf dem trockenen Gras trieb Tavoran die Luft aus den Lungen und der Nebel wogte wie eine Welle über ihm zusammen. Blind und voller Todesangst umklammerte er seinen Dolch und stach in die Richtung, in der er den Schatten vermutete. Der kalte Nebel brannte in seiner Kehle und der Lunge und mit einem Schlag konnte er nicht mehr atmen. Es war, als würde der Nebel seine Nase und seinen Mund verstopfen wie zähe Wolle, und Tavoran versuchte verzweifelt, Atem zu schöpfen und um Hilfe zu rufen. Doch es kam nichts weiter als ein heiseres Röcheln über seine Lippen.

Schwärze drohte ihn zu übermannen. Er wollte sich hochstemmen, aus dem Nebel auftauchen wie ein Ertrinkender aus der dunklen See, doch seine Arme gehorchten ihm nicht. Der Nebel griff nach ihm, nach seiner Seele, umfloss ihn beinahe liebevoll und hielt ihn eisern fest.

Als er die schwarzen Arme durch den Nebel über sich auf sich zukommen sah, kam es ihm beinahe wie eine Rettung vor. Der Schatten hatte ihn erwischt. Gut, so war es wenigstens schnell vorbei.

Dann verlor er das Bewusstsein.


»Da bist du endlich, Tavoran.« Lyndia stand an der kleinen Mauer und blickte aufs Meer hinaus. Irgendwo hinter dem Dunst lagen die fliegenden Inseln von Isfahar. Sie drehte sich nicht nach Tavoran um, als sie weitersprach.

»Du hast mir nicht die Wahrheit erzählt.«

Er runzelte die Stirn. Es war nicht das erste Mal, dass er diesen Satz hörte. Doch er konnte sich nicht entsinnen, wann und wo er ihn als Erstes vernommen hatte.

»Die Wahrheit worüber?«, fragte er verwirrt. Er trat neben Lyndia an die Brüstung, lehnte sich mit den Ellenbogen darauf und musterte Lyndia von der Seite. Sie wirkte traurig, das Lächeln, das normalerweise ihre Lippen umspielte, war verschwunden. Sein Blick fiel auf etwas, das sie in den Händen verborgen hielt.

»Über das hier«, sagte sie nach kurzem Zögern und streckte ihm den Dolch hin. Die schwarze Obsidianklinge funkelte im Sonnenlicht und die eingeritzten geschwungenen Linien wirkten, als wären sie lebendig.

»Woher …«, begann Tavoran, brach aber ab, als er die Tränen sah, die ihr über die Wangen liefen. Sein Herz krampfte sich zusammen, als sie sich zu ihm umwandte und ihn ansah. Ihr Blick war voller Kummer, die Augen wässrig und leicht gerötet. Die Tränen zogen nasse Spuren über ihre Sommersprossen.

»Warum hast du mich nicht getötet?« Ihre Lippen zitterten, die Stimme war brüchig. »Es wäre ein Leichtes für dich gewesen.«

»Warum sollte ich dich töten, Lyndia?«, rief Tavoran verzweifelt aus. Er verstand nicht, warum sie dies von ihm verlangte. Niemals hätte er ihr etwas angetan. Und das wusste sie.

»Du hättest es tun sollen«, antwortete sie mit kalter Stimme. Der Dolch lag mit einem Mal nicht mehr in ihrer Hand, sondern in der von Tavoran. Auf Lyndias Brust breitete sich ein dunkelroter Fleck aus und von der schwarzen Klinge tropfte Blut.

»Aber du warst zu feige!«

»Lyndia, ich …«, begann Tavoran, verstummte aber, als es um ihn herum mit einem Schlag dunkel wurde. Der Dolch glomm in einem seltsamen bleichen Licht, das Lyndias Gesicht wie das einer Toten erscheinen ließ.

Und dann kamen die Motten.

Erst war es eine einzelne, die aus der Schwärze um sie beide herum auftauchte, sie umtanzte und sich schließlich auf der Obsidianklinge niederließ. Dann folgten eine Zweite und eine Dritte, und es wurden immer mehr, bis Tavoran sie nicht mehr zählen konnte. Sie alle liessen sich auf dem Dolch nieder und dann waren es so viele, dass sie das Licht verschluckten und die Schwärze über Tavoran hereinbrach.

Panik überkam ihn. Er versuchte, die Motten vom Dolch abzuschütteln, aber sie liessen nicht von ihm ab. Erst, als Tavoran mit der Hand nach ihnen schlug und sie von der Klinge abstreifte, erhoben sie sich und flatterten in eine Richtung davon. Tavorans Blick folgte ihnen und blieb an einer Gestalt hängen, die hinter Lyndia aufgetaucht war. Mit zusammengekniffenen Augen hob er den fahl leuchtenden Dolch, um mehr zu erkennen.

Die Gestalt hinter Lyndia war mehr als doppelt so groß wie sie und unzählige leere Augen starrten Tavoran ausdruckslos an. Unförmige Auswüchse verzerrten die Silhouette des Gottes, dessen verformter Körper nur noch schwach an den eines Menschen erinnerte.

»Du hättest mich retten können, Tavoran«, sagte Lyndia und machte einen Schritt nach hinten. Die Augen des Gottes leuchteten auf, wandten sich von Tavoran ab und fixierten nun die zierliche Gestalt vor ihm. Mit einem zufriedenen Grollen breitete er die Arme aus und legte sie beinahe zärtlich um sie.

»Lyndia!«, schrie er, griff nach vorne und versuchte, sie zu packen und zurückzureißen. Doch er griff ins Leere. Lyndia war verschwunden.

»Nein!«

Unendliche Trauer überkam ihn. Und er spürte, dass der Gott es genoss. Dieser stand vor ihm, die leeren Augen ausdruckslos und doch voller Zufriedenheit auf Tavoran gerichtet. Urplötzlich brandete Wut in ihm auf. Der Dolch in seiner Hand schickte pulsierende Wärme durch seinen Arm direkt in seine Brust.

Ohne nachzudenken schnellte er nach vorne und auf den Gott zu. Er wollte Lyndia folgen, sie zurückholen und in seine Arme schließen. Er würde sie nicht einfach so dem Gott überlassen. Mit einem Schrei holte er aus und stach nach der riesigen schwarzen Gestalt vor ihm. Doch er war zu überrascht, um noch zu reagieren, als er auf keinerlei Widerstand stieß und plötzlich in unendliche Schwärze fiel.


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