Kapitel 22:
Spießrutenlauf

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Der Schatten stand einfach da, wartend, während feine Nebelschwaden wie kleine Wellen an den Seiten der Gasse zerstoben. Und obwohl auch dieser Schatten keine sichtbaren Augen hatte, spürte Tavoran, dass er ihn beobachtete. Doch die Welle des Hasses, die er vorhin gespürt hatte, blieb aus, vielmehr spürte er in seinem Herzen ein feines Gefühl von Vorwurf. Tavoran runzelte die Stirn. Vielleicht war es der andere Schatten aus seinem Zimmer? Oder ein ganz anderer?

 Tavoran warf einen Blick in die andere Richtung. Die Gasse war menschenleer und der bunte Schein der Laternen glich kleinen leuchtenden Inseln in einem Meer aus Grau. Der Schatten bewegte sich noch immer nicht, und Tavoran rannte los, die leere Gasse entlang. Der Nebel stob auseinander, dort, wo seine Stiefel den Boden berührten, wirbelte an seinen Beinen hoch und fühlte sich an den Waden kalt und auf eine seltsame Weise tot an. Beim Vorbeilaufen sah Tavoran, wie weiße Fäden sich in die Türritzen und Fenster schlängelten, als wären es dünne, lange Finger eines körperlosen Gottes.

Sein Herz hämmerte unter dem Mal auf seiner Brust, seine Lungen brannten und er schmeckte Blut. Immerhin war der Schmerz des Mals ein wenig verebbt, sodass er einigermaßen erträglich war.

Er übersprang in einem Satz ein paar Treppenstufen, bog scharf nach links in eine breitere Gasse ein – und prallte zurück. Vor ihm befanden sich weitere Schatten, die sich alle wie auf ein Kommando nach ihm umdrehten. Der erste von ihnen hob seine schwarze, formlose Hand und langte nach ihm, doch es gelang Tavoran, seiner Berührung auszuweichen. Der Luftzug verwirbelte den schwarzen Rauch, und von einem Augenblick auf den anderen spürte er erneute Wärme auf seiner Brust aufflammen. 

Und mit ihr hörte er nun auch die Stimmen in seinen Gedanken. Sie redeten alle durcheinander, mal lauter, mal leiser, mal wütend oder vorwurfsvoll. Er erkannte verschiedene Akzente und Sprachen, die ihm allesamt geläufig waren, und manche Stimmen kamen ihm zu seiner Überraschung sehr bekannt vor. Doch in diesem ganzen Gewirr ließ eine von ihnen sein Blut in den Adern erstarren.

Und sie rief nach ihm.

Auch wenn er die Worte nicht verstand, so berührten sie etwas in seinem Inneren, das gegen seinen Willen antwortete. Die Sprache kannte er nicht, er war sich nicht einmal sicher, ob es eine der Sprachen Neramors war, aber es spielte keine Rolle: Er verstand den Sinn der Worte.

Jemand suchte nach ihm, oder nach einem Teil von ihm, und wer auch immer zu dieser Stimme gehörte, war auf dem Weg.

Der Schatten vor ihm holte erneut aus, doch Tavoran konnte sich aus der Erstarrung lösen. Er duckte sich unter der schlagenden Hand hindurch und hetzte die Gasse entlang. Im Zickzack wich er den Schatten aus, die sich auf ihn zubewegten und nach ihm griffen. Einer von ihnen war schneller, als er geschätzt hatte, erwischte ihn und zog eine brennende Spur von seiner Schulter über den Rücken. Überrascht schrie Tavoran auf und geriet ins Taumeln.

Ein paar wenige Schritte vor ihm mündete die Gasse in einen kleinen Platz, auf dem der Nebel träge wogte. Unvermittelt tauchte vor ihm ein Schatten auf. Tavoran konnte nicht sagen, ob er vorher schon da gewesen war und er ihn einfach übersehen hatte, oder ob er aus dem Nichts erschienen war. Es spielte aber auch keine Rolle, denn er war massig und versperrte ihm den Weg auf den freien Platz.

Tavoran ignorierte den Schmerz auf seinem Rücken und riss den Dolch aus der Scheide. Wenn die Waffe vorhin den Schatten Yihuns zum Verschwinden gebracht hatte, dann könnte es vielleicht ein weiteres Mal gelingen. 

Er holte aus und stach nach der Schwärze vor ihm und riss den Arm nach oben. Der Dolch stieß auf leichten Widerstand, glitt aber ohne große Anstrengung durch den schwarzen Körper hindurch und zerschnitt den Schatten in zwei Teile. Die Dunkelheit verblasste und die Ränder zerflossen in schwarzen Rauch, aber genauso schnell, wie er sich auflöste, so schnell fügte sich der schwarze Körper wieder zu einem Ganzen zusammen.

Doch der Augenblick reichte Tavoran. Er machte einen Satz und sprang am Schatten vorbei, konnte aber nicht mehr verhindern, dass er auf seiner verletzten Schulter abrollte. Schmerz Schoß durch seinen ganzen Körper und ihm wurde einen Augenblick schwarz vor Augen. Doch er rappelte sich auf und taumelte aus der Gasse hinaus.

Der kleine Platz war leer, abgesehen vom Brunnen in der Mitte und der fahlen Laterne, deren Licht Tavoran anzog, als wäre er eine Motte. Der Nebel brandete in kleinen Wellen an die verzierte Brunnenwand, kroch an ihr empor und floss in dünnen Fäden über den Rand.

Er versuchte, die Stimmen in seinem Kopf zu ignorieren, die ein wenig leiser geworden waren, seit der die Gasse verlassen hatte, und eilte auf das Licht zu.

Die schwarze Gestalt, die plötzlich mit ausgebreiteten Armen vor ihm auftauchte, sah er beinahe zu spät. Auf den ersten Blick kam sie ihm seltsam vor, aber er hatte keine Zeit, zu überlegen. Er riss instinktiv den Dolch hoch und erwartete den sanften Widerstand. Doch anstatt dass der Dolch durch den Schatten fuhr und ihn auflöste, hörte er einen überraschten und überaus menschlichen Schrei und das Reißen von Stoff.

»Tavoran!« Arelas Stimme klang heiser und voller Angst.

Überrascht hielt er inne und schwankte. Er hatte gedacht, einen weiteren Schatten vor sich zu haben, aber ihm gegenüber stand Arela, die Bettlerin, und hatte abwehrend die Hände gehoben.

»Tu mir nichts!«, flehte sie und zog den Kopf zwischen die Schultern. Im Schein der Laterne konnte er kaum mehr als ihre Silhouette erkennen, die dank der vielen Lumpen, in welche die Frau gehüllt war, aussah, wie einer der Schatten. Auch wenn er nicht sehen konnte, wo er sie getroffen hatte, so wusste er, dass er nur ihre Kleider erwischt und sie glücklicherweise nicht verletzt hatte. Er spürte die Enttäuschung über das verpasste Blut, die vom Dolch ausging. Mit einiger Willensanstrengung schob er ihn in die Scheide zurück.

»Es … tut mir leid«, stammelte er. »Ich wollte nicht …« Er taumelte erneut und presste die Handballen an die Schläfen. Erschöpft lehnte er sich gegen die Brunnenmauer. Sein Herz schlug hart und schwer in seiner Brust, pumpte brennendes Blut durch das Mal auf seiner Brust und ließ den Platz vor ihm mit jedem Schlag erzittern.

»Was ist los, Tavoran?« Durch das Rauschen in seinen Ohren und den Stimmen in seinen Gedanken konnte er die brüchige Stimme der Bettlerin beinahe nicht verstehen. »Was tust du hier?«

»Ich …«, er schluckte hart. »Ich muss zu Kerys.«

»Zu wem?«, fragte Arela und er konnte ihr ansehen, dass sie keine Ahnung hatte, wen er meinte.

»Zu den Gauklern«, brachte er hervor. Er schmeckte Blut in seinem Mund, wahrscheinlich hatte er sich vorhin auf die Zunge gebissen.

»Was ist denn los?«, fragte Arela erneut, aber Tavoran kam nicht dazu, zu antworten.

Hinter ihnen erklangen plötzlich Rufe, das Klappern von Metall und das Trappeln von schweren Lederstiefeln auf hartem Untergrund. Tavorans Herz setzte einen Schlag aus. Die Wachen hatten ihm gerade noch gefehlt. Arelas Schrei muss sie angelockt haben.

»Hilf mir!«, keuchte er und stemmte sich hoch.

Arela hatte den Kopf gewandt und starrte den Wachen entgegen. »Mach, dass du wegkommst«, zischte sie. »Ich halte sie auf.«

Er keuchte auf, als sie ihm einen überraschend harten Stoß versetzte und ihn von sich wegstieß.

»Du Bastard! Von dir lass ich mich nicht beleidigen!«, rief sie heiser. Im ersten Moment hielt Tavoran verwirrt inne, dann drehte er sich um und rannte über den Platz davon.

»Ja, hau doch ab, du Hund!« Arela rief ihm noch ein paar weitere wenig schmeichelhafte Bezeichnungen hinterher, und Tavoran hoffte, dass die Wachen auf ihr kleines Spiel hineinfielen. Er hörte, wie die Wachen auf sie einsprachen. Hoffentlich taten sie ihr nichts an, eine Begegnung mit den Wachen war nichts, worauf man sich freiwillig einließ, schon gar nicht als Bettler. Tavoran nahm sich vor, sobald wie möglich nach ihr zu schauen.

Doch erst musste er weg von hier. Er beschleunigte seine Schritte, eilte durch den Nebel, der noch immer allgegenwärtig war, und langsam begann Tavoran daran zu zweifeln, dass dieser nur in seiner Einbildung existierte. Allerdings spürte er, dass etwas noch immer nicht stimmte, die Stimmen in seinem Kopf waren immer noch da und trieben ihn beinahe in den Wahnsinn. Nur die eine Stimme war verstummt.

Er tauchte in die rettende Dunkelheit der Gasse ein und machte sich auf weitere Schatten gefasst, doch der Weg war frei. Ohne sich weiter umzusehen, hetzte er durch die Gassen, bog vorsichtig nach links und rechts ab und erreichte schließlich ohne weitere Hindernisse das Stadttor.

Tavoran hatte gewusst, dass das Tor um diese Zeit verschlossen war. Die beiden Wachen jedoch, die davor standen, liessen seine Hoffnungen steigen, mit ein oder zwei Münzen den Weg nach draußen erkaufen zu können. Sie lehnten gelangweilt auf ihren Schilden, der eine hielt eine Pfeife in der Hand, während der andere soeben einen Scherz erzählt haben musste, denn von einem Augenblick auf den anderen krümmten sie sich vor Lachen.

Tavoran nutzte die Chance und trat aus dem Schatten. Als die Wachen ihn erblickten, verstummten sie abrupt und musterten ihn misstrauisch.

»Was willst du hier?«, knurrte die eine Wache mit der Pfeife. »Verschwinde, du hast hier nichts verloren.«

Die andere verzog den Mund zu einem Grinsen und entblößte eine Reihe schiefer Zähne. »Hat dich deine Alte rausgeworfen?«

Tavoran entschied sich, das Spiel mitzumachen und den Nebel zu ignorieren, der den Wachen die Waden emporkroch. Da sie ihn nicht zu bemerken schienen, nahm Tavoran an, dass ein Teil von ihm noch immer auf irgend eine Art zwischen den Welten hängengeblieben war. Oder was auch immer mit ihm geschehen war.

»In der Tat«, sagte er mit zögerlicher Stimme und räusperte sich. »Sie war … unzufrieden.«

Die beiden Wachen blickten ihn überrascht an, dann brachen sie in schallendes Gelächter aus. Der Kerl mit den schiefen Zähnen grinste noch breiter. »Na, hast es ihr wohl nicht richtig besorgt, was?« Sein Blick fiel auf Tavorans Schritt. »Da geht wohl nichts mehr?«

Die Wache mit der Pfeife boxte dem anderen in den Arm. »Wetten, der will jetzt zu den Gauklern, um sich von deren Heiler was zu holen?«

»Ja, wahrscheinlich kriegt er die Schwanzfäule!« 

Die beiden lachten laut und ihre Schultern zuckten dabei.

Tavoran räusperte sich und tat verlegen. »Genau das war mein Plan«, sagte er und hob die Hände, als die Wachen verstummten und ihn verdutzt ansahen. »Also, nicht das mit der Schwanzfäule. Das andere. Das Mittel für … na, ihr wisst schon.«

»Ich hoffe, es ist dir was wert«, knurrte die Wache mit der Pfeife und streckte wartend die Hand hin.

Tavoran zögerte einen Moment, dann tat er, als hätte er erst eben verstanden, was sie von ihm wollten. »Ah, ja, natürlich.« Er kramte in seinem Beutel nach zwei Münzen und streckte sie den beiden hin. Zwar widerstrebte es ihm, den Wachen Geld dafür zu geben, damit sie ihn aus der Stadt liessen, aber er konnte und wollte sich nicht auf weitere Diskussionen mit ihnen einlassen.

Die beiden besahen die Münzen und liessen sie einen Augenblick später unter ihren Gewändern verschwinden. Der mit der Pfeife machte einen langsamen Schritt aufs Tor zu, entriegelte die kleine Tür darin und stieß sie einen Spalt auf. Mit dem Kopf machte er eine ungeduldige Bewegung.

»Na, los!«

»Viel Glück«, rief ihm der andere hinterher, als Tavoran durch den Spalt nach draußen schlüpfte. »Und pass auf, die Schwanzfäule ist bei Weitem nicht das Schlimmste dort draußen!«


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