Kapitel 21:
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Yihuns Beine knickten ein und er sackte mit einem Stöhnen zu Boden. Ein paar letzte Herzschläge lang starrte der Magier Tavoran ungläubig an, dann brach sein Blick und die bernsteinfarbenen Augen verloren ihr Leuchten.

Eine unglaubliche Genugtuung nahm von Tavoran Besitz. Endlich konnte er den Drang – oder war es der Drang des Dolches? – nach Yihuns Leben befriedigen und den Hunger nach dessen Seele stillen. Ein Gefühl von Macht überkam ihn wie eine große Welle und er ließ sich mitreißen. Etwas Fremdes schwamm in dieser Welle mit ihm mit, etwas Vertrautes und doch Fremdes, etwas Mächtiges und Uraltes, das nach seinem Verstand und seinem Willen tastete. Etwas, das in ihm das Gefühl der Verbundenheit auslöste, so, als hätten sich die beiden schon lange gesucht und nun endlich gefunden. Doch in dieser Welle schwamm auch noch etwas anderes mit. Etwas Unheimliches, Gefährliches, und in Tavoran machte sich plötzlich eine diffuse Angst breit.

Der Dolch in seiner Hand wurde wärmer und Tavoran riss den Blick vom toten Gesicht des Magiers los und starrte auf dessen Brust. Die schwarzen Linien des Musters waren auf der dunklen Haut schwer zu erkennen, und deshalb tat es Tavoran erst als Sinnestäuschung ab, verursacht durch die Aufregung des Kampfes. Doch die Linien bewegten sich, und auch dann noch, als er die Augen ein paar Atemzüge lang schloss und seinen Herzschlag zu beruhigen versuchte.

Sie bewegten sich auf den Dolch zu. Es wirkte beinahe so, als würden sie vom Dolch aufgesogen werden. Wie schwarze Würmer kringelten sie sich zusammen und streckten sich, so als weigerten sie sich, den toten Körper zu verlassen. Unerbittlich zog der Dolch die Linien zu sich und gewann währenddessen beständig an Leuchtkraft.

Tavoran versuchte, seine Hand von der Waffe zu lösen, aber die Finger gehorchten ihm nicht. Die Leuchtkraft des Dolches war mittlerweile so stark geworden, dass sie durch die Haut schimmerte und zwischen seinen Fingern hervor strahlte.

Und dann spürte Tavoran, wie etwas von ihm Besitz ergriff.

Seine Handfläche brannte, wo sie den Dolch berührte, und er hatte das Gefühl, als würde pure Macht durch seine Adern fließen, von seinen Fingerspitzen über den Arm bis in seinen ganzen Körper. Auf seiner Brust entstand urplötzlich ein stechender Schmerz, von dem sich schließlich eine beinahe wohlige Wärme ausbreitete. Der Geruch nach verbranntem Harz stieg ihm in die Nase.

Erst, als die Linien auf Yihuns Körper ganz verschwunden waren, konnte er die Hand vom Dolch lösen. Die Wärme auf seiner Brust war einem leichten Brennen gewichen, das im Takt seines Herzschlags pulsierte.

Hastig zog er sich das Hemd über den Kopf und betrachtete seinen Oberkörper. Auf seiner Brust prangten dunkle, verschlungene Linien, deren Ursprung auf der Höhe seines Herzens lag. Noch kringelten und wanden sich die Enden der Linien, doch nach und nach kamen sie zur Ruhe und wurden schwarz.

Dann erglomm im Zentrum des Musters ein schwacher, bernsteinfarbener Schimmer und im gleichen Augenblick entlud sich die magische Energie in seinem Inneren. Eine Druckwelle bahnte sich ihren Weg durch das kleine Zimmer hinaus in die Welt, Krüge und Flaschen zerbarsten, Glas klirrte und Holz splitterte.

Und einen Atemzug später spürte er in seinen Gedanken, wie etwas Uraltes von weit entfernt antwortete.

Erschrocken sog er die Luft ein. Vor seinen Augen verzerrten sich die Konturen der Einrichtung in der Dunkelheit des Zimmers, wirkten manchmal scharf und dann doch wieder verschwommen. Ein leichter Grauschleier hatte sich im Zimmer ausgebreitet und im ersten Moment dachte Tavoran an Rauch, aber er konnte weder ein Feuer noch eine Flamme entdecken.

Urplötzlich breitete sich Gänsehaut auf seinem ganzen Körper aus, und er wusste, dass er nicht mehr alleine war.

Langsam wandte er den Kopf und ließ den Blick durchs dunkle Zimmer schweifen. In einer Ecke bei der Bettstatt erkannte er einen reglosen Schatten, eine schlanke, dunkle und gesichtslose Gestalt, auf eine seltsame Art durchscheinend und doch schwarz und unheilvoll.

Im ersten Moment dachte Tavoran, es handle sich beim Schatten um die Tote, doch die lang noch immer reglos auf der Bettstatt.

Hastig stand er auf und machte ein paar Schritte zurück, doch die Gestalt regte sich nicht. Auch wenn er kein Gesicht erkennen konnte, so ließ ihn das Gefühl nicht los, dass der Schatten ihn jedoch genau beobachtete.

Tavorans Blick fiel wieder auf den Dolch, der noch immer bis zum Heft in der Brust des Magiers steckte. Da lag sie, seine Chance, Lyndia jemals wiederzusehen. In einem unüberlegten Augenblick, geleitet von einer Gier, die nicht seine gewesen war, hatte er dem einzigen Magier, der ihm Lyndia hätte wiederbringen können, das Leben genommen und ihm die Seele geraubt.

Ein weiteres Mal hatte er sein Versprechen an Lyndia nicht einhalten können. Ein weiteres Mal hatte er versagt, sie zu retten.

»Was habe ich getan?«, murmelte er, noch immer sein Hemd in den Händen klammernd. »Lyndia … es tut mir leid.«

Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als er plötzlich eine Bewegung wahrnahm. Mit aufgerissenen Augen beobachtete er, wie sich aus dem Körper des toten Magiers ein Schatten löste, der demjenigen glich, der still und anklagend in der Ecke stand und Tavoran beobachtete.

Doch das Ding, das sich aus Yihun erhob, machte keine Anstalten, sich in eine Ecke zu stellen. Eine Woge aus Hass und Trauer schlug Tavoran entgegen, als das Ding seine formlose Hand nach Tavoran ausstreckte und nach ihm griff.

Tavoran war viel zu überrascht, um zu reagieren. Die Finger zogen eine Spur aus schwarzem Rauch hinter sich her, der durch den Schwung verwirbelt wurde und sich langsam auflöste. Fasziniert und erschrocken zugleich beobachtete Tavoran das Schauspiel und war unfähig, sich zu rühren.

Gleißender Schmerz zuckte durch seinen Unterarm und dort, wo ihn der Schatten berührt hatte, erschienen zwei blutige Striemen von aufgerissener Haut.

Das reichte, um Tavoran aus seiner Erstarrung zu reißen. Er prallte einen weiteren Schritt zurück und schlug aus Reflex mit dem Hemd nach seinem Angreifer. Der Stoff glitt ohne Widerstand durch den schwarzen Körper, der an der Stelle leicht durchscheinend wurde, und die Ränder der Silhouette kräuselten sich in schwarzem Rauch. Keinen Augenblick später wurde der Schatten wieder vollkommen schwarz und holte zu einem erneuten Schlag aus.

Der unbändige Zorn seines Angreifers war beinahe überwältigend und verdrängte fast jeden klaren Gedanken aus Tavorans Kopf. Gegen einen solchen Gegner konnte er sich nicht wehren, fliehen war die einzige Möglichkeit.

Er warf einen Blick zur Tür: Der Weg war frei. Doch er wollte den Dolch nicht zurücklassen, der war nun die allerletzte Möglichkeit, sein Versprechen an Lyndia doch noch irgendwie einzulösen. Mit einem Satz war er bei Yihuns Körper, duckte sich unter der schlagenden Hand des Schattens hindurch und griff nach der Waffe. Mit einem Ruck zog er den Dolch aus der Brust des Toten und wand ihm in derselben Bewegung die Dolchscheide aus den verkrampften Fingern. Er wich einem weiteren Schlag aus und brachte sich mit zwei ausgreifenden Schritten außer Reichweite. Der Schatten bäumte sich auf und eine weitere Welle unbändigen Zorns schlug Tavoran entgegen.

Der Schatten bewegte sich weiter auf ihn zu, und Tavoran riss in einer Bewegung die Tür auf und stürmte ins Freie.

Die Gestalt, die vor seiner Tür stand, sah er jedoch zu spät. Im letzten Moment konnte er seine Hand herumreißen, die den Dolch hielt, um Sinar nicht zu verletzen, prallte jedoch so hart gegen ihn, dass sie beide zu Boden stürzten.

Sinar schrie erschrocken auf und stieß keuchend den Atem aus, als er hart auf dem Boden aufprallte und ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Tavoran hatte jedoch keine Zeit, sich um den Jungen zu kümmern. Hastig rappelte er sich auf.

»Tavoran, was …«, keuchte Sinar, doch Tavoran schenkte ihm keine Beachtung. Er warf einen Blick zur Tür zurück, und bemerkte, dass auch hier draußen der leichte graue Schleier lag, den er bereits im Zimmer bemerkt hatte. Aus dem schwarzen Rechteck der geöffneten Tür löste sich im selben Augenblick ein ebenso dunkler Schatten.

Und Sinar lag noch immer knapp drei Schritte von ihm entfernt auf dem Boden und machte keine Anstalten, sich in Sicherheit zu bringen.

»Lauf, Sinar!«, rief Tavoran und stellte sich breitbeinig zwischen den Jungen und den Schatten. Heute Nacht hatte es seinetwegen schon genug Tote gegeben, der arme Junge sollte nicht auch noch zum Opfer werden. Doch die einzige Waffe, die Tavoran in den Händen hielt, war der Dolch.

»Aber was ist denn los?«, fragte Sinar mit hörbarer Verwirrung in der Stimme.

Yihuns Schatten überwand die paar Schritte und holte zu einem weiteren Schlag aus. Aus purem Reflex hob Tavoran die Hand mit dem Dolch, um den Angriff zu parieren.

Zu seiner Überraschung spürte er, wie etwas Hartes auf den Dolch traf. Die formlosen Finger prallten an der Obsidianklinge ab und schwarzer, kräuselnder Rauch stieg auf. Tavoran beobachtete, wie sich die Form der Hand verlor, wo sie die Klinge getroffen hatte, doch ein paar Finger streiften seinen Handrücken und hinterliessen erneut tiefe Schrammen.

Der Schatten zuckte zurück, holte aber einen Augenblick später zu einem neuen Schlag aus. Doch diesmal war Tavoran schneller: Mit einem gezielten Stoß stach er nach seinem Angreifer. Der Dolch fuhr beinahe widerstandslos in die Schwärze, als würde er in Wasser getaucht. Dort, wo der Dolch den Angreifer getroffen hatte, löste sich die Schwärze auf und die Ränder der Silhouette kräuselten sich. Für einen Augenblick verlor er die Form, sammelte sich aber sogleich wieder.

»Tavoran, was tust du da?«, hörte er Sinars Stimme hinter sich erneut fragen. Tavoran warf einen flüchtigen Blick über die Schulter und sah, dass sich der Junge auf seinen Ellenbogen abgestützt hatte und Tavoran entgeistert anstarrte.

»Lauf, ich halte ihn auf!«

»Was hältst du auf?«, fragte Sinar mit unüberhörbarer Verwirrung in der Stimme.

Tavoran kam nicht dazu, zu antworten. Der Schatten hatte erneut ausgeholt und Tavoran duckte sich im letzten Moment unter dem Schlag hindurch. Hastig wich er zurück und riss den Dolch von schräg unten quer über den Körper des Schattens.

Der Schatten bäumte sich auf und unsäglicher Schmerz explodierte in Tavorans Kopf, der ihm beinahe die Besinnung raubte. Durch einen Schleier aus Schmerz erkannte er, dass in der Körpermitte des Schattens sich die Schwärze lichtete und dort, wo er ihn mit dem Dolch getroffen hatte, löste sich schwarzer Rauch. Tavoran stach ein weiteres Mal zu, diesmal zielte er auf die Stelle, wo er die Brust vermutete. Der Dolch traf kaum auf Widerstand. Er glitt durch die Schwärze wie eine Hand durch Wasser, zerstörte die Form, ließ den Schatten blasser werden und auseinanderfließen. Schließlich verblasste dieser ganz und verschwand zu Tavorans Überraschung von einem Augenblick auf den anderen.

Keuchend ließ sich Tavoran auf die Knie fallen, dabei wirbelte er die leichten Nebelschwaden auf dem Boden auf. Noch immer waren die Konturen seiner Umgebung leicht verzerrt: Er hatte wohl den Schatten besiegt, aber das Ganze war noch nicht vorbei.

Seine Gedanken rasten, sein Kopf pulsierte. Das Muster auf seiner Brust brannte, ebenso die aufgerissenen Stellen auf seiner Haut, wo der Schatten ihn getroffen hatte.

Er wusste nicht, wie er das soeben Geschehene einordnen sollte. Was waren das für Schatten, die ihn angriffen, und warum schien Sinar sie nicht zu sehen? 

Der Gedanke an den Jungen ließ ihn herumfahren. Dieser lag noch immer mit verwundertem Gesichtsausdruck auf dem Boden und sein Blick wanderte zwischen Tavoran und der geöffneten Tür seiner Behausung hin und her. Glücklicherweise war von hier aus Yihuns Leiche glücklicherweise nicht zu sehen.

»Was ist denn los?«, wiederholte Sinar. »Bist du verrückt geworden?«

Tavoran schnaubte. Vielleicht hatte der Junge Recht. Vielleicht war er tatsächlich verrückt geworden. Vielleicht hatte ihn der Dolch derart seine Sinne vernebelt, dass er nicht mehr wusste, was real war und was nicht. Er blickte an sich hinab, musterte die schwarzen verschlungenen Linien auf seiner Brust und fuhr mit den Fingerspitzen darüber, so, als müsste er sich vergewissern, ob sie echt waren.

Leider waren sie es.

»Tavoran?«

Er ignorierte Sinar. Er erhob sich hastig und ohne sich umzudrehen ging er zur offenstehenden Tür seiner Behausung zurück. Er wollte nicht, dass Sinar das Muster auf seiner Brust sah, geschweige denn irgend einen Blick ins Innere des Raumes werfen konnte. Die beiden Toten lagen noch immer dort, wo Tavoran sie zurückgelassen hatte, unter Yihun hatte sich jedoch eine dunkle Lache ausgebreitet. Der Schatten der Toten stand noch immer in der Ecke seiner Bettstatt und hatte sich nicht gerührt.

Vorsichtig, ohne in das Blut zu treten und den Schatten aus den Augen zu lassen, betrat Tavoran das Zimmer, griff nach dem Hemd und streifte es sich über. Dann sammelte er die wichtigsten noch unversehrten Dinge aus dem Gestell ein, steckte sie sich in die Beuteltaschen und verließ den Raum. Sinar war mittlerweile aufgestanden und klopfte sich den Staub aus den Kleidern. Als er hörte, wie Tavoran die Tür hinter sich schloss, hob er den Kopf und blickte ihn erwartungsvoll an. Tavoran tat ihm jedoch den Gefallen nicht. Er ging mit ausgreifenden Schritten an dem Jungen vorbei, dem anzusehen war, dass er nicht recht wusste, ob er Tavoran aufhalten oder gehen lassen sollte.

Tavoran war froh, dass Sinar sich für Letzteres entschied. Er hatte weder Lust noch Zeit, sich mit dem Jungen herumzuplagen, er wollte zu Kerys. Sie war die Einzige, die ihm helfen konnte, jedenfalls hoffte er das. Er hatte es eindeutig mit einer Art von Magie zu tun, der er nicht gewachsen war. Außerdem musste er irgendwie wieder zu klaren Sinnen kommen, denn noch immer fühlte es sich an, als wäre ein Teil von ihm irgendwo in dieser Welt der Schatten hängen geblieben.

Er ließ den Jungen stehen und verließ den Innenhof. Als er in die Gasse vor dem Haus einbog, sog er scharf die Luft ein.

Ein paar Schritte weiter stand Yihuns Schatten und wartete auf ihn.


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