Kapitel 20:
Lügner

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Tavoran zuckte zusammen und hielt einen Augenblick inne. Das Klopfen wiederholte sich, dieses Mal etwas energischer, und er hörte eine Stimme gedämpft durch das Holz.

»Tavoran, bitte mach auf!«

Stirnrunzelnd ließ Tavoran den Kopf der Toten auf das Laken zurücksinken und stellte den Becher mit dem Wasser neben die Bettstatt. Dann erhob er sich, ging lautlos zur Tür und lehnte sich mit dem Rücken an die grobe Wand daneben.

Die Stimme gehörte nicht Yihun, dazu war sie viel zu jung und die Sprache ohne Akzent. Aber wem gehörte sie dann? Ungeladener Besuch war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, ausgerechnet jetzt mit einer Toten bei sich in seiner Bettstatt. In seinen Gedanken suchte er nach Personen, zu denen die Stimme passen konnte, allerdings fiel ihm nur Dalin ein, der Laufbursche aus dem Palast. Was der hier verloren hatte, konnte sich Tavoran beim besten Willen nicht vorstellen. Dem Klang der Stimme nach allerdings schien es sehr dringend zu sein.

Das Klopfen wiederholte sich noch einmal und die Stimme ertönte erneut: »Tavoran, bitte! Ich weiss, dass du zuhause bist!«

Also hatte ihn jemand beobachtet, wie er zusammen mit der jungen Frau sein Zuhause betreten hatte. Das war nicht weiter schlimm, denn wenn heute Nacht alles gut ging, würde er mit ihr sein Zuhause wieder verlassen.

»Dann weißt du auch, dass ich nicht alleine bin und nicht gestört werden will.«

Das war nicht einmal gelogen, auch wenn er nicht das meinte, was derjenige draußen vielleicht dachte. Tavoran hatte keine Lust, die Tür irgend einem Bengel zu öffnen, geschweige denn, ihn hereinzulassen. Außerdem musste bald Yihun auftauchen und er wollte nicht, dass der Wiederbelebung von Lyndia irgendetwas – oder irgendwer – im Wege stand.

»Bitte! Es geht um meinen Vater.«

Tavoran verdrehte die Augen und stieß einen Seufzer aus. Jetzt war ihm eingefallen, zu wem die Stimme passte: Vor seiner Tür musste Sinar stehen, der Sohn des Töpfers.

»Ich kann jetzt nicht«, entgegnete Tavoran unwirsch. »Verschwinde!«

»Aber du musst mir helfen!« Die Stimme des Jungen überschlug sich beinahe. Tavoran konnte hören, dass er den Tränen nahe war. Aber was auch immer mit Halan geschehen sein mochte, es interessierte ihn nicht. Auch nicht, was für eine Art von Hilfe der Junge von ihm erwartete. Unbehagen machte sich in Tavoran breit. Wenn der Junge nicht bald sein Maul halten würde und weiterhin seine Türe anschrie, würde wohl früher oder später die ganze Nachbarschaft auf ihn aufmerksam werden.

»Ich muss gar nichts«, entgegnete Tavoran ungehalten. »Und ich warne dich jetzt noch ein letztes Mal. Verschwinde, oder ich mach dir Beine.«

Auf der anderen Seite der Tür blieb es zu Tavorans Überraschung still. Er hörte keinen Laut und konnte nicht sagen, ob der Junge noch da war, oder ob er sich Tavorans Drohung zu Herzen genommen und sich davongemacht hatte.

Dann aber vernahm er die Stimme des Jungen erneut. Und das, was er hörte, bestätigte seine Vermutung, dass es sich um Sinar handelte.

»Ihr … die Krähen haben meinen Vater.«

Tavoran ballte die Hände zu Fäusten, lehnte den Kopf an die Wand und seufzte. Die Zeichen der Krähen an Halans Ladentür. Er hätte nicht gedacht, dass sie so schnell zu so drastischen Mitteln greifen. Selbst wenn Tavoran noch den Krähen angehört hätte, er hätte für Halan nichts mehr tun können. Verran ließ keine Möglichkeit aus, den Bewohnern der unteren Stadt zu zeigen, was ein Regelverstoß bedeutete.

Was Tavoran allerdings mehr erstaunte war, warum Sinar ausgerechnet zu ihm kam. Immerhin schien dieser davon auszugehen, dass Tavoran noch immer im Dienste Verrans stand und eine Krähe war.

Nein, für Halan konnte er nichts tun, und wenn er es sich genau überlegte, hatte der Kerl auch nichts Besseres verdient. Sinar hingegen tat ihm leid, denn dieser schien sich sehr um seinen jähzornigen Vater zu sorgen, allerdings konnte Tavoran nicht verstehen, warum.

»Dann ist es sowieso zu spät«, sagte Tavoran schließlich. »Warum kommst du damit überhaupt zu mir?«

Tavoran konnte förmlich hören, wie der Junge in sich zusammengesackt war. »Weil ich niemand anderen habe, der mir helfen könnte.«

Enttäuschung und Trauer schwang in seiner Stimme mit und zu seinem Erstaunen spürte Tavoran einen feinen Stich im Herzen. Er stieß sich von der Wand ab, löste den Riegel und öffnete die Tür einen Spalt breit.

Draußen auf dem Innenhof waren nur vereinzelte Fackeln entzündet, ansonsten lag der kleine Platz im Dunkeln. Als er die Türe öffnete, konnte Tavoran sehen, wie Sinar sich ertappt aufrichtete, seine Schultern straffte und mit dem Handrücken den Rotz von der Nase strich. Der Junge war kaum älter als vielleicht elf oder zwölf Jahre. Hart, in diesem Alter seinen Vater zu verlieren, aber er würde damit zurechtkommen. Das taten die meisten.

Tavoran streckte den Kopf aus der Tür. »Noch einmal. Verschwinde, denn ich kann dir auch nicht helfen«, knurrte er. »Sieh zu, dass du nicht auch so endest, wie dein Vater.«

Er konnte trotz der Dunkelheit erkennen, wie die Farbe aus Sinars Gesicht wich. Insgeheim wollte er dem Jungen nicht drohen und ihm auch nichts antun, für heute Nacht reichte ihm eine Leiche. Er wollte lediglich, dass dieser sich endlich aus dem Staub machte.

Der Junge blickte ihn noch einen Atemzug aus aufgerissenen Augen an. Dann, als hätte er Tavorans Gedanken erraten, drehte er sich auf dem Absatz um und rannte über den Innenhof davon.


Es dauerte nicht lange, bis es erneut an der Tür klopfte. Dieses Mal erkannte er Yihuns Stimme sofort, denn der Akzent war unüberhörbar.

»Ich bin es, lass mich rein.« Die Stimme des Magiers klang ein wenig gehetzt, vielleicht aber war er auch einfach nervös.

Tavoran sprang vom Hocker auf und ging mit ausgreifenden Schritten zur Tür. Als er sie öffnete, vernahm er den feinen Geruch nach verbranntem Harz und hielt erstarrt inne. Yihun schien bereits Magie angewendet zu haben. Aber wozu? Wollte er ihm den Dolch womöglich abnehmen, ohne ihm Lyndia zurückzubringen? Unwillkürlich wanderte seine Hand an den Gürtel, wo der Dolch in der Scheide hing. Eine seltsame Wärme ging von ihm aus. Doch der Drang, die Waffe in warmes, nasses Fleisch zu stoßen, blieb zu Tavorans Erstaunen aus.

»Was ist los?«, fragte Yihun und warf einen gehetzten Blick über seine Schulter zurück zum Eingang des Innenhofes. »Lass mich rein.«

Ohne die Hand vom Dolch zu nehmen, trat Tavoran einen Schritt zur Seite und öffnete die Tür weit genug, um den Magier einzulassen. Bevor er sie wieder schloss, warf er einen flüchtigen Blick in den Innenhof, konnte jedoch niemanden erkennen. Was nicht bedeutete, dass Sinar nicht irgendwo in einem Versteck sass und sie beobachtete.

Tavoran verschloss die Tür und blickte Yihun erwartungsvoll entgegen. Dieser stand unschlüssig im Raum und sah sich suchend um, dann fiel sein Blick auf den Dolch an Tavorans Seite.

»Ah, hier ist er ja.« Seine Stimme zitterte. Der Mann war sichtlich nervös und der Geruch nach verbranntem Harz verstärkte sich.

»Wage es nicht«, sagte Tavoran leise. »Ich wäre schneller mit dem Dolch, als du deinen Zauber wirken könntest.« Er wusste nicht, ob das stimmte, denn mit den verschiedenen Arten von Zaubern kannte er sich nicht aus. Aber er hoffte, dass die Drohung wirkte.

Yihun verzog den Mund zu einem unechten Lächeln. »Natürlich nicht.« Er räusperte sich. »Aber du musst ihn mir schon geben, damit ich meinen Teil der Abmachung erfüllen kann.«

»Wie willst du das tun?«, fragte Tavoran. »Lyndias Seele wieder zurückbringen?«

»Das wirst du gleich sehen«, antwortete Yihun und streckte die Hand aus. Mit den Fingern machte er eine fordernde Bewegung. »Gib ihn mir und ich zeige es dir.«

Tavorans Hand lag noch immer auf dem Griff des Dolches an seiner Seite. Die Wärme des Griffs fühlte sich gut und vertraut an, beinahe so, als würden sie sich schon lange kennen. Widerwillig löste er die Scheide von seinem Gürtel und streckte Yihun den Dolch langsam entgegen.

Die Verbindung zum Dolch riss abrupt ab, als Yihun ihn aus seiner Hand nahm.

»Endlich«, murmelte der Magier und zog die Waffe ein kleines Stück aus der Scheide. Im schwachen Licht der Öllampe musterte er die Waffe eingehend, dann steckte er den Dolch zurück.

»Nun denn.« Er breitete die Arme aus und grinste Tavoran an. »Wo ist denn nun … deine Leiche?«

Bevor Tavoran etwas erwidern konnte, drehte sich Yihun mit einer übertriebenen Bewegung zum Vorhang um, der die Bettstatt vom Rest des Raumes trennte, und zog ihn mit einem Ruck zur Seite.

»Ah, sehr schön«, murmelte er und betrachtete die tote junge Frau. Dann ließ er sich neben ihr in die Hocke sinken und strich mit der einen Hand eine Strähne aus der Stirn. Zärtlich fuhr er mit den Fingern über ihr Gesicht, dann griff er nach dem Dolch und zog ihn mit einem Ruck aus der Scheide.

Tavoran sah, wie sein Mund sich bewegte, konnte die Worte jedoch nicht hören. Der Geruch nach verbrauchter Magie wurde stärker und ein beklemmendes Gefühl machte sich in Tavoran breit. Was auch immer Yihun lautlos sprach, es war, als würden ihn die Worte tief im Inneren berühren.

Als würden sie etwas in ihm umschlingen und aus ihm herausreißen wollen.

Urplötzlich überkam ihn Panik. Das, was Yihun tat, war nicht das, was er versprochen hatte. Er wollte Lyndia nicht wiederbeleben, er wollte ihn töten! Sein Herz setzte einen Atemzug aus, ehe es hart und schnell weiter schlug. Das Bild vor Tavorans Augen verzerrte sich. Die Silhouette des Magiers teilte sich im Rhythmus seines Herzschlags von einer in zwei und fügte sich wieder zu einer Form zusammen.

»Yihun, was …«, keuchte er und fiel hart auf die Knie. »Was tust du?«

Die Stimme des Magiers klang wie durch dichten Stoff. »Ich sorge dafür, dass du deine Lyndia wiedersiehst.«

Tavoran spürte, dass etwas an dieser Antwort nicht stimmte, er wusste aber nicht, was. Der Raum vor seinen Augen begann sich zu drehen.

»Aber … warum fühle ich …«

»Mich so schlecht?«, ergänzte Yihun, als Tavoran verstummte und nicht mehr wusste, was er sagen wollte. Das Ziehen in seinem Inneren wurde immer stärker und er ahnte, dass er sterben würde, wenn er sich nicht dagegen wehrte.

»Weil ich Lyndias Seele nicht hierher, sondern deine Seele zu ihr bringen werde.«

»Du hast …«

»Dich angelogen.«

Im doppelten Gesicht des Magiers konnte Tavoran ein Grinsen erkennen. »Ich hätte nicht gedacht, dass Tavoran Maras sich so leicht auf so eine einfache Abmachung einlässt.«

Das Ziehen in Tavorans Inneren verstärkte sich erneut. Mit aller Kraft sträubte er sich gegen die fremde Macht in seinem Körper, die seine Seele umklammert hielt und aus ihm herausreißen wollte. Ein verzweifelter Schrei löste sich gegen seinen Willen aus seiner Kehle.

»Du bist stärker als ich erwartet hätte«, sagte Yihun und blickte Tavoran aus glühenden, bernsteinfarbenen Augen überrascht an.

»Du bist ein … Lügner«, brachte Tavoran hervor und schaffte es, die Kraft, die in seinem Inneren zerrte, ein wenig zurückzudrängen.

Yihun hob überrascht die Augenbrauen.

»Natürlich bin ich das«, antwortete dieser mit einem Grinsen. »Aber das bist du doch auch.«

Er machte eine Bewegung zur Bettstatt hinüber. »Oder was hättest du deiner Lyndia erzählt, woher du ihren neuen Körper hast?« Er zuckte mit den Schultern und seufzte. »Ich wäre zu gerne dabei gewesen.«

Der Geruch nach verbranntem Bernstein war jetzt beinahe übermächtig. Übelkeit stieg in Tavoran auf und er musste sich darauf konzentrieren, sich nicht zu übergeben.

Er musste raus hier. Mit einem Keuchen stemmte er sich hoch und taumelte zur Tür, doch Yihun war schneller und versperrte ihm mit seinem Körper den Ausgang.

»Du weißt, dass ich dich nicht gehen lassen kann, Tavoran Maras.«

»Ich … bring dich um«, ächzte Tavoran und machte einen weiteren taumelnden Schritt vorwärts. Er blinzelte und schaffte es, dass die Silhouette vor ihm nicht mehr bei jedem Herzschlag in zwei zerfiel. Dann fiel sein Blick auf den Dolch in der Hand des Magiers, und erneut flutete Adrenalin seinen Körper. Mit einem Mal sah er plötzlich klar. Der Dolch war sein Ziel, und wenn Yihun seinen Teil der Abmachung nicht einhielt, so würde er es auch nicht tun.

Mit einem Schrei warf er sich auf den Magier und langte nach dem Dolch. Yihun prallte überrascht zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Tür. Mit dem Rest des Verstandes, den Tavoran im Augenblick noch hatte, erkannte er, dass er es nicht mit einem Kämpfer zu tun hatte. Wenigstens etwas.

»Ich bring dich um«, wiederholte Tavoran, dieses Mal klang seine Stimme fester.

Yihun versuchte, den Dolch hinter seinem Rücken zu verbergen, aber Tavoran ballte die Hand zur Faust und rammte sie mit aller Kraft dem Magier in den Bauch. Dieser stöhnte auf und klappte wie ein Messer zusammen. Er fiel nach vorne auf die Knie und versuchte den Sturz mit den Händen aufzufangen und zu Tavorans Verärgerung behielt er den Dolch auch nach dem Sturz noch immer in er Hand.

Unbändige Wut breitete sich in Tavoran aus. Der Rest seines Verstandes warnte ihn, nicht in die offensichtliche Falle zu laufen, aber er konnte nicht anders. Er wollte nach dem Dolch greifen und dem Magier aus der Hand winden, doch Yihun ließ sich zur Seite fallen und stach nach Tavoran.

Um Haaresbreite hätte der Dolch ihn an der Seite erwischt, durchschnitt jedoch nur das Wams und das Hemd und ließ die Haut darunter unversehrt. Doch Tavoran hatte keine Zeit, sich über sein Glück Gedanken zu machen. Yihuns Augen begannen erneut zu leuchten und Tavoran spürte ein weiteres Reißen an seiner Seele.

Mehr mit Glück als Verstand warf er sich auf Yihun, bekam den Kragen seines Hemdes zu fassen und zerrte daran. Der dünne Stoff zerriss augenblicklich und gab die Brust des Mannes frei.

Mit einem überraschten Keuchen prallte Tavoran zurück, als er die unzähligen verschlungenen dunklen Linien unter der Haut erblickte, die sich von der Brustmitte über den ganzen Oberkörper auszubreiten schienen.

Yihun nutzte Tavorans Zögern und stach erneut nach ihm. Dieses Mal gelang es Tavoran gerade noch rechtzeitig, den Arm zu heben und den Schlag abzublocken, der zwar ungenau aber überraschend hart war. Das Ziehen in seinem Inneren schwand ein wenig, als er Yihun zur Antwort erneut die Faust in die Seite rammte. Blitzschnell griff er nach dem Dolch und schaffte es, ihn aus der Hand des Magiers zu winden.

Der Dolch empfing ihn wie einen alten Freund. Solide lag er in Tavorans Hand, die vertraute, fordernde Wärme bewegte sich über den Unterarm zur Schulter hoch und flutete seinen ganzen Körper.

Ungläubig riss Yihun die Augen auf. »Nein, das kann nicht sein. Es kann nur einen Meister …«

Weiter kam er nicht. Mit einer schnellen Bewegung rammte Tavoran dem Magier den Dolch bis zum Anschlag mitten in die Brust.


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