Kapitel 19:
Die Leiche

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»Ich werde mich dennoch umsehen«, sagte Tavoran. Wie herbeigezaubert hielt er eine kleine Münze in der Hand und legte sie beiläufig neben dem jungen Mann auf den Tisch. Dieser machte große Augen, griff unverzüglich danach und ließ sie im Hemdsärmel verschwinden.

»Natürlich«, erwiderte er und machte einen Schritt zur Seite.

Tavoran trat mit einem Nicken an ihm vorbei und unter dem Durchgang hindurch. Vor ihm lag ein dämmeriger langer Raum mit festgetrampeltem Boden. Durch die geflochtenen Wände fielen einzelne dünne Sonnenstrahlen wie gleißende Nadeln ins Innere, feiner Staub tanzte im Licht. Der Raum wurde von weiteren kleineren Wänden unterteilt, hinter denen die Sterbenden lagen. Von den Balken der Decke hingen getrocknete Kräuter und Blumen, die den Gestank nach Fäkalien, Tod und Krankheit etwas überdecken sollten, aber es war ein schwacher Versuch.

Tavoran schätzte, dass im Raum vielleicht dreissig Lagerstätten verteilt waren, von denen die meisten besetzt waren. Er ging langsam zwischen den Lagern hindurch und ließ seinen Blick über die eingefallenen Gesichter schweifen. Viele Menschen, die hier lagen, waren alt, ihre Wangenknochen stachen scharf aus dem Gesicht hervor, die Augen waren eingefallen und dunkel umrandet. Zahnlose Münder, die halboffen standen, mit gesprungenen Lippen und Speichel, der übers Kinn auf die schmutzige Unterlage tropfte.

Zwischen den Alten lagen vereinzelte jüngere Personen, von denen Tavoran das Alter aber nicht schätzen konnte. Zu sehr waren ihre Gesichter von Krankheit gezeichnet. Der junge Mann vom Eingang schien nicht gelogen zu haben: Tavoran konnte keine junge Frau entdecken, auf die seine Beschreibung passte. Seine Hoffnung sank mit jedem Schritt, mit dem er sich dem Ende des Raumes näherte.

Also würde er doch zu anderen Mitteln greifen müssen. Solange die Frau einigermaßen hübsch war, spielte es ihm keine Rolle, woher der Körper kam und wem er gehört hatte. Wenn es nach ihm ginge, würde er eine der hübschen Dirnen oder der Wäscherinnen holen.

Aber es ging nicht nur um ihn. Lyndia musste in diesem Körper leben, und früher oder später wollte sie wissen, wie Tavoran in dessen Besitz gekommen war. Würde er sie belügen und ihr das erzählen können, was sie hören wollte? Ihr zuliebe erzählen, dass er nicht eine gesunde, kräftige Frau getötet hatte, sondern dass es eine gewesen war, die bereits an der Schwelle des Todes gestanden hatte?

Er wusste nicht, ob er das konnte. Aber deswegen auf Lyndia zu verzichten, das wollte er nicht. Sein Entschluss stand fest, er wollte heute Nacht einen Körper für Lyndias Seele besorgen. Und er hatte noch ein wenig Zeit, zu überlegen, was für eine Geschichte er ihr erzählen wollte.

Ein heiseres Stöhnen riss ihn aus seinen Gedanken. Tavoran hatte das Ende des Raumes erreicht und stand vor dem letzten Lager, auf dem ein Mann lag, der etwa so alt zu sein schien, wie er selber. Ein unruhiger Schlaf hatte den Mann gepackt. Die Hände krampften sich in das schmutzige Laken, das ihm als Decke diente, auf seiner Stirn glänzte Schweiß. Unruhig warf er sich hin und her, murmelte unverständliche Worte und stöhnte dazwischen unter Schmerzen.

Beinahe hätte Tavoran die Gestalt übersehen, die in der dunklen Ecke neben dem Mann kauerte und nicht so richtig wusste, was sie tun sollte. Ihre Hand hielt sie zögernd über der Stirn des Mannes, wagte es aber nicht, ihn zu berühren. Es war eine zartgliedrige Hand, die Hand einer Frau.

Tavoran musterte den Mann. Sein schweißnasses Haar klebte an den Schläfen und der Stirn, die Augenlider flatterten. Die Lippen waren blass und spröde, der Kiefer angespannt. Das fleckige Laken verdeckte nur spärlich den Körper und die Beine, allem Anschein nach war der Mann unter dem Laken nackt.

Scharf sog Tavoran die Luft ein, als er die Beine sah. Oder das, was von ihnen übrig war. Von den Füssen war nicht viel mehr zu erkennen als zwei Klumpen verformten Fleisches, übersät mit eitrigen Blasen und schwarzer Haut. Die Verformung zog sich weiter die Beine hoch und verschwand unter dem Laken. Er konnte nicht sagen, was der Auslöser für diese Wunden gewesen sein könnte, aber es war augenscheinlich, dass der Mann deswegen hier war. Und da er sich bereits in Fieberträumen hin und her warf, würde er wohl nicht mehr lange hierbleiben.

Doch das Schicksal des Mannes interessierte ihn nicht.

Seine Aufmerksamkeit galt ganz der jungen Frau.

Anhand ihrer Gesichtszüge nahm Tavoran an, dass sie seine Schwester sein musste. Nur war die Haut ihrer hohen Wangenknochen rosig, während die ihres Bruders bleich und wächsern aussah. Sie glich Lyndia nicht die Spur, aber sie war hübsch.

Und als hätte der Dolch nur darauf gewartet, hörte Tavoran unverzüglich seinen stummen, wohlbekannten und dunklen Ruf.

Sie würde passen.


»Du hast ihnen aber nicht die Wahrheit erzählt«, murmelte die junge Frau und schmiegte sich schwankend an Tavoran. Er schob einen Arm unter ihre Achsel, um sie zu stützen, während er sie durch die engen Gassen führte.

Es dämmerte bereits und zwischen die Häuser schlich sich langsam die Dunkelheit. Nicht mehr lange, und er würde sich mit Yihun treffen.

Die junge Frau war benebelter, als er beabsichtigt hatte. Er hatte sich eindeutig in ihrem Gewicht verschätzt, denn sie war zierlicher, als sie im Sterbehaus unter ihren Kleidern den Anschein gemacht hatte. Darum hatte er auch zu viel des Giftes auf den Lappen geträufelt, den er ihr kurzerhand auf den Mund gepresst hatte, um sie zu ruhig zu stellen.

Es würde schneller gehen, als ihm lieb war.

»Nein, aber man muss auch nicht immer die Wahrheit sagen«, erwiderte Tavoran in leisem Tonfall und zog sie hastig nach links in eine Seitengasse, als vor ihnen zwei Stadtwachen auftauchten.

Unten am Tor hatte er es gerade so geschafft, die junge Frau an seinem Arm in die untere Stadt hineinzubringen. Die Wachen waren misstrauisch geworden, aber er hatte ihnen weismachen können, dass sie seine Schwester und furchtbar betrunken wäre. Glücklicherweise war keiner auf die Idee gekommen, die Aussage zu überprüfen und ihren Atem zu riechen, wahrscheinlich hatten sie sich vom ärmlichen Aussehen der jungen Frau abschrecken lassen. Und glücklicherweise hatte er dem Drang des Dolches widerstanden, und sie vergiftet, anstatt erdolcht. Mit einer Leiche wäre er nie und nimmer an den Wachen vorbeigekommen.

»Sie reißt immer mal wieder aus und vergnügt sich in den Betten da draussen«, hatte er zum Scherz gesagt und mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung des Armenviertels gemacht. Die Wachen hatten nur gelacht und ihn schließlich ziehen lassen.

Er hatte Glück gehabt. Nun aber wollte er den Wachen aus dem Weg gehen, so gut es ging.

»Erzählst du mir denn die … Wahrheit?«, fragte die junge Frau schließlich, und Tavoran bemerkte, dass er nicht einmal wusste, wie sie hieß. Vielleicht aber war das auch besser so.

»Welche Wahrheit denn?«, fragte Tavoran zurück.

»Warum … du mich … mitgenommen hast«, antwortete die junge Frau. Das Stocken in ihrer Stimme war ihm nicht entgangen. Nicht mehr lange, und ihre Beine würden versagen.

»Du hast gesagt … du hilfst mir.«

Ja, das hatte er ihr tatsächlich gesagt. Und im Grunde damit nicht einmal gelogen. Er würde ihr ein neues Leben verschaffen und ihr somit helfen, aus diesem Loch eines Armenviertels herauszukommen. Nur leider ganz anders, als sie sich das wahrscheinlich vorstellte.

Sie stolperte und knickte ein. Er konnte sie gerade noch auffangen und verhindern, dass sie zu Boden fiel.

Das geschah viel zu früh.

Er hatte gehofft, sie würden es noch zu ihm nach Hause schaffen, bevor sie das Bewusstsein verlor. Dann wäre es nicht ganz so auffällig, falls einer seiner Nachbarn sie beide beobachten würde.

Sie hatte die Augen geschlossen, aber Tavoran konnte erkennen, wie sie unruhig zuckten. So würde sie keinen Schritt mehr tun.

Kurzerhand hob er sie auf seine Arme und ging weiter. Um weiteren Wachen und neugierigen Blicken zu entgehen, nahm er einen Umweg in Kauf und erreichte den Eingang zu seiner Unterkunft erst, als es Nacht geworden war.

Die junge Frau hatte kein Wort mehr gesagt. Ihr Atem war schwächer geworden, aber noch lebte sie. Das Gift würde wohl in spätestens einer Stunde ihren Tod herbeiführen, wenn er ihr nicht das Gegengift verabreichte. Aber das hatte er nicht vor.

Umständlich stellte er sie ab, hielt sie aber so im Arm, dass sie aufrecht stehen konnte. Ein Beobachter würde sie für betrunken halten und sich nichts weiter dabei denken – jedenfalls hoffte er dies.

Mit dem Fuß stieß er die Tür auf, die dank etwas zu viel Kraft aufschwang und an die Wand im Inneren krachte. Erneut hob er die junge Frau auf, die leise stöhnte, und trug sie ins Innere.

Kurzerhand bettete er sie auf die Matratze und verschloss sorgfältig die Tür. Dann setzte er sich neben die junge Frau und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Eine Laterne in der Gasse erhellte das Zimmer nur sehr spärlich. Im schwachen Licht erkannte er, dass sie die Augen geöffnet hatte und im ersten Moment dachte er, sie wäre in der Zwischenzeit gestorben.

»Durst«, hauchte sie. Tavoran zögerte einen Moment. Warum sollte er das Unvermeidliche weiter aufschieben und ihr etwas zu trinken bringen. Aber dann dachte er an Lyndia, erhob sich und ging zum Wasserkrug hinüber. Wenn er Lyndia schon verschwieg, dass er absichtlich für sie jemanden getötet hatte, so wollte er nicht auch noch verheimlichen müssen, dass er der jungen Frau einen letzten Wunsch vorenthalten hatte.

Er füllte seinen Becher mit dem Wasser aus der Schöpfkelle und kehrte zum Bett zurück. Langsam schob er die freie Hand unter ihren Kopf und hob ihn vorsichtig hoch, dann setzte er den Becher an ihre Lippen.

Doch sie trank nicht mehr. Das Wasser rann an ihrem Kinn hinunter und tropfte auf ihre Brust, nässte ihre Kleider und benetzte die Haut darunter.

Mit gebrochenen Augen starrte sie an die Decke.

Dann klopfte es an der Tür.


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