Kapitel 18:
Wer kommt in Frage?

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»Das sollte für dich ja kein Problem sein, Tavoran«, sagte Yihun mit einem Grinsen im Gesicht und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. Tavoran sah, wie er ihn eingehend musterte und allen Anschein nach eine Reaktion von ihm erwartete.

Er wollte ihm den Gefallen nicht tun. Obwohl er keine Ahnung hatte, wie der Magier Lyndia zurückbringen wollte, war er nicht auf den Kopf gefallen. Yihun hatte davon geredet, dass er Seelen in Körper zurückbringen könne. Da Lyndias Körper aber nicht mehr existierte, war es nur logisch, dass ein anderer als Gefäß herhalten musste.

Bloß, wer sollte das sein?

Yihun hatte Recht, wenn er behauptete, dass es für Tavoran ein Leichtes sei, einen Körper zu besorgen. Aber wie sollte er Lyndia erklären, wie er an ihren neuen Körper gekommen war? Die Vorstellung, ihre Seele in einem fremden Körper zu wissen, mit einem äußerlich fremden Menschen zu sprechen und ihn doch zu kennen, war für Tavoran beinahe absurd. Für einen kurzen Moment schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, den Körper von jemandem zu nehmen, den er kannte, er verwarf die Idee jedoch sogleich wieder. Denn die einzige Person, die in Frage kam, weil er sie nicht mit negativen Gefühlen und Erinnerungen in Verbindung brachte, war Kerys.

Mit einem mulmigen Gefühl erinnerte er sich an den Traum von letzter Nacht. Oder könnte er Kerys das wirklich antun? Sie hatte ihm das Leben gerettet und dazu ihres riskiert. Auch wenn er nicht davor zurückschreckte, alles Notwendige zu tun, um seine Ziele zu erreichen, nur um Lyndia wiederzuhaben, konnte er doch unmöglich Kerys opfern.

»Ich sehe, du denkst bereits darüber nach.« Die spöttische Stimme von Yihun riss ihn aus seinen Gedanken. »Keine einfache Sache, nicht wahr? Den richtigen Körper zu finden.« Er zuckte mit den Schultern und griff nach seiner Teetasse. »Wer passt denn zu deiner Liebsten? Wird sie ihren neuen Körper mögen? Was, wenn nicht? Vielleicht hasst sie dich dafür, dass du ihretwegen – nein, deinetwegen – jemanden getötet hast. Ein wenig egoistisch, denkst du nicht auch?«

Die Worte des Magiers stachen wie spitze Nadeln in sein Gewissen. Auch wenn er es niemals offen zugeben würde, Yihun hatte in allen Punkten Recht. Aber er würde sich davon nicht von seinem Ziel abbringen lassen, schließlich hatte er sein Leben nicht umsonst riskiert. Wenn herauskam, dass er für den Diebstahl des Dolches aus dem herrschaftlichen Schatzschrank verantwortlich war, würde innerhalb kurzer Zeit die ganze Stadt hinter ihm her sein und ihm ein Tod am Galgen drohen. Oder Schlimmeres.

Yihun schlürfte an seinem Tee und warf einen Blick an Tavoran vorbei durch die Tür. Dann leerte er seinen Becher in einem Zug und erhob sich. Bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal zu Tavoran um.

»Also, dann sehen wir uns heute Nacht?« Er hob seine Schultern in gespielter Unschuld und ergänzte: »Da ich keine passende Bleibe habe, schlage ich vor, wir drei treffen uns bei dir. Außerdem«, er grinste breit, »wird sich deine Liebste freuen, eine bekannte Umgebung zu sehen, wenn sie schon in einem fremden Körper aufwachen wird.«

Tavoran blickte dem Magier mit gemischten Gefühlen hinterher. Lyndia würde bestimmt Fragen stellen, wie er an den Körper gekommen war. Einen Mord ihretwegen würde sie niemals gutheißen. Vielleicht wären die Hallen der Heilung ein geeigneter Ort, ein Opfer zu finden. Es kam trotz erfahrener und mächtiger Heiler nicht selten vor, dass jemand in ihrer Obhut verstarb. Meistens aber lag es nicht vordergründig an den Wunden, sondern an der fehlenden Bezahlung. Ohne magischen Bernstein war es unmöglich, in den Hallen der Heilung angemessene Heilung zu erhalten.

Es würde nicht schwer sein, Lyndia zu überzeugen, dass die junge Frau, in deren Körper sie nun steckte, gestorben war, weil sich niemand mehr um sie kümmerte. Das einzige, was ihn daran hinderte, darauf einzugehen, war das Risiko, dass jemand die junge Frau wiedererkannte. Die Hallen der Heilung wurden hauptsächlich von den Adeligen und Reichen der Stadt aufgesucht, man kannte sich, auch über die Stadtmauern hinaus. Eine vermeintlich totgeglaubte, junge Adelige an der Seite eines fremden Mannes würde ohne Zweifel unnötige Aufmerksamkeit erregen. Zwar hatte Tavoran vor, danach mit Lyndia die Stadt zu verlassen, aber mit so einem Körper mussten sie höchstwahrscheinlich auch Amyrien meiden, wenn sie sich nicht im hinterwäldlerischsten Dorf niederlassen wollten.

Tavoran schnaubte frustriert, ballte die Hand zur Faust und schlug auf den Tisch. Es konnte doch nicht so schwierig sein. Der sicherste Weg war es wohl, eine der Frauen vom Armenviertel der Stadt zu holen, ganz egal, was Lyndia dazu sagen würde. Vielleicht fand er sogar eine im Sterbehaus. Und wenn nicht, dann war es ihm auch recht, er würde so oder so jemanden finden. Schließlich konnte er sich immer noch dafür entscheiden, Lyndia nicht die ganze Wahrheit zu erzählen.


Das Armenviertel der Stadt galt als Brutstätte von Krankheiten, Verbrechen und moralischem Zerfall, zumindest, wenn man den Adligen und den Bewohnern der oberen Stadt Glauben schenkte. Für Tavoran war es im Augenblick vor allem die einzige Möglichkeit, seinem Ziel einen Schritt näher zu kommen, und darum interessierte ihn das alles nicht sonderlich.

Er schlängelte sich durch die engen, schmutzigen Gassen, in denen sich die heiße Luft des späten Nachmittags staute und die nach Fäkalien und Feuer roch. Die meisten Bewohner suchten außerhalb ihrer Behausungen einen wenigstens einigermaßen luftigen Platz im Schatten, hockten in kleinen Gruppen zusammen und verstopften die Wege. Mancherorts wurde gekocht, aber Tavoran verspürte keinen Hunger, als er in die verbeulten Töpfe sah, die im Feuer standen. Die hell- bis dunkelgraue Brühe bestand hauptsächlich aus Wasser und Hafer, manchmal konnte er vereinzelte kleinere Knochen darin erkennen.

Ihm wurden verstohlene oder verächtliche Blicke zugeworfen, denn wenn sich jemand aus der inneren Stadt hier herumtrieb, hatte derjenige sich entweder verlaufen oder brachte hauptsächlich Ärger. Es half ihm außerdem nur wenig, dass die Krähen auch das Armenviertel kontrollierten. Diese kümmerten sich kaum um die Bedürfnisse seiner Bewohner und entzogen ihm stattdessen das Wertvollste, was es zu bieten hatte: die Menschen. Ohne Arbeit und ohne Aussichten auf ein Leben innerhalb der Stadt empfingen sie die Krähen mit offenen Armen, in der Hoffnung, von ihrem Erfolg ein wenig abzubekommen. Und manche von ihnen endeten an den Galgen oder Kreuzen, von Verran verraten und wie Vieh zum Schlächter geführt, um die Zwillingsherrscher und die Bewohner der inneren Stadt zu beschwichtigen.

Das Sterbehaus verdiente nur einen Teil seiner Bezeichnung, denn es glich eher einer länglichen Hütte als einem Haus. Die geflochtenen, teilweise verputzten dünnen Wände dienten hauptsächlich dazu, die gleißende Sonne und neugierigen Blicke halbwegs abzuhalten, konnten jedoch die klagenden Laute seiner Bewohner – Tavoran konnte nicht sagen, ob es die Sterbenden oder ihre Angehörigen waren – nicht verbergen.

Die Eingangstür lag an der Stirnseite des Hauses und wurde von einem schmutzigen, ausgefransten Vorhang verdeckt. Tavoran schlug den Vorhang zur Seite und trat ins Innere. Sofort schlug ihm der Geruch von Krankheit, Blut und Tod entgegen, so vertraut, süßlich und schwer. Das Innere des Hauses war düster und wurde nur von vereinzelten Lichtpunkten in den geflochtenen Wänden durchbrochen, und seine Augen mussten sich erst einen Moment an das Zwielicht gewöhnen. 

Er befand sich in einem kleinen Eingangsbereich, der von einer grob aus Rauten geflochtenen Wand vom Rest des Hauses abgeschirmt wurde und in welcher ein kleiner Durchgang ausgespart worden war. In einer Ecke befand sich ein Tisch, auf welchem unzählige Utensilien zur Reinigung von Wunden, Gefäße mit verschiedenen Tinkturen und Salben, diverse Phiolen und Flaschen mit Inhalten, die Tavoran nur erahnen konnte, standen oder lagen. Wahrscheinlich dienten sie hauptsächlich dazu, den Sterbenden und Kranken die Schmerzen und die Symptome zu lindern.

Einen kurzen Moment lang wunderte er sich, dass niemand hier war, um die Tinkturen und Salben zu bewachen, denn diese waren bestimmt nicht leicht zu bekommen und stets begehrt. Dann aber wurde der Vorhang erneut zur Seite geschoben und Tavoran fuhr herum. In der Tür war eine Gestalt erschienen, leicht gebückt und gegen das Licht von draußen beinahe schwarz.

»He, du! Was hast du hier verloren?«

Die Stimme war scharf und klar und gehörte einem jungen Mann. Tavoran war im hereinfallenden Licht gut zu erkennen, und er vermutete, dass der Mann ihm auf den ersten Blick ansah, dass Tavoran hier eigentlich nicht hingehörte, sondern aus der inneren Stadt stammte. Er wollte es sich mit dem jungen Mann nicht gleich in den ersten paar Minuten verscherzen, immerhin konnte dieser ihm vielleicht weiterhelfen, ohne, dass er das ganze Sterbehaus auf der Suche nach einer möglichen Leiche durchgehen musste.

»Entschuldige«, sagte Tavoran, mehr als Beschwichtigung denn als ehrliche Reaktion. »Ich bin auf der Suche nach jemandem und bin nicht sicher, ob ich hier richtig bin.«

Der junge Mann stand noch einen Augenblick in der Tür, dann machte er einen Schritt hinein und ließ den Vorhang wieder zufallen.

»Wer ist das nicht«, entgegnete dieser, und Tavoran konnte nicht sagen, worauf er diese Aussage bezog. »Das hier ist ein Sterbehaus und kein Ort, an dem man normalerweise Leute trifft.« Das Misstrauen und die Ablehnung in der Stimme waren unüberhörbar.

»Das weiß ich doch«, antwortete Tavoran, »genau deswegen bin ich ja hier.« Er ließ die Schultern hängen und verzog gespielt traurig das Gesicht. Das schien zu wirken, denn der junge Mann entspannte sich und legte ihm versöhnlich die Hand auf die Schulter.

»Wen suchst du denn?«

Tavoran ließ absichtlich ein paar Augenblicke verstreichen, ehe er antwortete. »Eine Frau. Sie ist etwa in meinem Alter und hat wahrscheinlich niemanden, der sie besucht.« Das war ein Schuss ins Blaue, aber vielleicht hatte er Glück.

»Und wer bist du?« Das Misstrauen hatte sich in die Stimme des Mannes zurückgeschlichen.

»Ein alter Freund von ihr. Ich habe erfahren, dass sie hier liegen soll.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen.«

Der Mann verschränkte die Arme und blickte unschlüssig zum Durchgang, der den kleinen Raum vom Hauptraum abtrennte. War das ein Zeichen, dass so jemand hier lag? Dieser Zufall wäre zu schön, um wahr zu sein.

»Hat die Frau auch einen Namen?«

Tavoran hatte mit dieser Frage gerechnet. Natürlich konnte er nicht einfach einen Namen nennen, denn die Wahrscheinlichkeit, genau eine Frau mit diesem Namen hier vorzufinden, auf welche die Beschreibung passt, war unmöglich. Daher entschied er sich, vage zu bleiben.

»Ich kannte sie unter dem Namen Jara. Aber das ist schon  eine lange Zeit her, es kann sein, dass sie hier in Catun unter anderem Namen bekannt ist.«

Wenn der junge Mann Tavorans Behauptung suspekt fand, so ließ er sich nichts anmerken. »Und seit wann soll diese Jara hier sein?«

Tavoran zuckte mit den Schultern. »Das hat man mir nicht gesagt.«

Der junge Mann tippte mit dem Zeigefinger nachdenklich gegen seine Lippen und musterte Tavoran eingehend, dann schüttelte er den Kopf.

»Tut mir leid, so jemanden haben wir nicht.«

»Ganz sicher?«, hakte Tavoran nach.

Der junge Mann nickte. »Ja, ganz sicher.«


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