Kapitel 17:
Auftragsbestimmungen

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Tavoran erwachte mit rasendem Herzen und einem heiseren Keuchen. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er sich aus den zähen, schwarzen Fäden des Traums befreien konnte und realisierte, dass er sich nicht im Zimmer von Lyndia, sondern in seinem eigenen befand, und dass in seinen Armen keine tote Kerys lag.

Dafür hielt er noch immer den Dolch fest umklammert, der schwer und warm auf seiner Brust ruhte. Angewidert warf er ihn neben sich auf die Bettstatt und spürte sogleich ein leises Gefühl der Leere, als er ihn losließ. Aber er widerstand dem Drang, ihn wieder an sich zu nehmen.

Stattdessen setzte er sich auf und schluckte schwer, als ihn unsägliche Kopfschmerzen überkamen. Das Zimmer vor ihm tanzte und verlor die Konturen im Takt seines Herzschlags, und Tavoran musste sich darauf konzentrieren, sich nicht zu übergeben. Ächzend erhob er sich und trat ans Fenster. Ein wenig frische Luft konnte nicht schaden.

Die Gasse vor ihm lag noch im Dämmerlicht, das Blau der getünchten Wände war dunkel und kam ihm auf eine seltsame Weise unheimlich vor. Die Luft war allerdings nicht ganz so erfrischend, wie er sich gehofft hatte. Vielmehr zog ein feiner Geruch von Fäkalien und Verwesung heran, der vertraute Geruch der unteren Stadt. Von der Gasse draußen drangen vereinzelt die Geräusche der Stadt herein, leichtes Dämmerlicht erhellte den Raum gerade genug, dass er ohne Licht und ohne den Effekt des Sternenpulvers Umrisse erkennen konnte, ohne Licht zu machen.

Er drehte sich zum Gestell um, wo er den Becher und die Flasche mit dem Kräuterschnaps aufbewahrte, und griff danach. Allerdings ließ er den Becher stehen und langte gleich nach der Schnapsflasche, die er mit den Zähnen entkorkte und geradewegs an die Lippen setzte.

Der scharfe Kräuterschnaps brannte und schaffte es, die Kopfschmerzen für einen Moment zu dämpfen. Tavoran nahm ein paar große Schlucke, bevor er die Flasche so heftig auf dem Tisch abstellte, dass er hören konnte, wie der Schnaps im Inneren schwappte.

Er stützte sich schwankend auf dem Tisch ab und schloss die Augen. Die Wärme, die sich sogleich von seinem Magen in den ganzen Körper ausbreitete und seine Glieder schwer werden ließ, beruhigte Tavoran ein wenig, allerdings schaffte es auch der Kräuterschnaps nicht, die Reste des Traums von ihm abzuspülen.

Die Erinnerungsfetzen hafteten an ihm wie schwarzer Teer, nicht richtig greifbar und unheilvoll. Der tote Körper von Kerys hatte sich in seinen Armen erschreckend real angefühlt, und er glaubte noch immer, das klebrige Blut auf den Händen spüren zu können. 

Er stemmte sich hoch, leerte die Schnapsflasche mit einigen weiteren Schlucken und warf einen Blick zum Dolch hinüber, der wie ein Fremdkörper auf seinem Bett lag. Verlockend und auf eine seltsame Art obszön, fast so, als wäre er eine der verbrauchten Dirnen von außerhalb der Stadt, die sich lasziv in seinem Bett räkelte und kurzzeitig Spaß versprach, aber doch nicht über die Abgründe hinwegzutäuschen vermochte, die unter der Oberfläche seiner Seele auf ihn warteten.

Tavoran schnaubte, stellte die Flasche auf den Tisch und ging zurück zur Bettstatt. Mit einer energischen Bewegung packte er die Leinendecke und warf sie auf den Dolch, in der Hoffnung, dass der Drang, ihn wieder an sich zu nehmen, verebbte, sobald er ihn nicht mehr sah.

Heute wollte er sich mit Yihun treffen und seine Belohnung einfordern, allerdings hatten sie sich erst gegen Mittag in Andradas Teestube verabredet, und das Dämmerlicht verriet ihm, dass er noch ein paar Stunden zu überbrücken hatte. Auch wenn er sich fürchtete, wieder in die düsteren Träume abzudriften, so wollte er noch ein paar Stunden Schlaf einholen, um für die kommenden Ereignisse vorbereitet zu sein. Mit dem Geschmack des Schnapses auf der Zunge und einer angenehmen Taubheit in den Gliedern legte er sich zurück auf seine Bettstatt und widerstand dem Drang, die Hand auf das Leintuch zu legen, unter dem der Dolch verborgen war.


Schweiß stand Tavoran auf der Stirn und sein Hemd klebte ihm am Körper, als er erwachte. Die Luft im Zimmer war stickig und viel zu warm und helles Tageslicht fiel durchs kleine Fenster in den Raum.

Ächzend erhob er sich und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen. Immerhin waren die Nachwirkungen des Sternenpulvers nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte, jedenfalls verspürte er kein unangenehmes Kratzen und sah halbwegs scharf.

Er blinzelte und musterte das zerknüllte Laken neben sich. Eine leise Furcht machte sich in ihm breit, als er daran dachte, dass er den Dolch an sich nehmen und zu Yihun bringen musste, und er hoffte, dass er nach dieser Nacht seine Selbstbeherrschung nicht ganz verloren hatte. 


»Hallo Tavoran!«

Tavoran betrat die Teestube und nickte Andrada zu, die an ihm vorbeirauschte und auf einem Tablett dampfende Teetassen balancierte. Mit einem Blick über die Schulter rief sie ihm zu: »Dein Freund wartet bereits auf dich.«

Tavoran schnaubte.

Sein Freund. Yihun würde niemals sein Freund werden, selbst wenn er Lyndia zurückbrachte. Aber er erwiderte nichts auf Andradas Bemerkung und wandte sich dem kleinen Nebenraum zu, in dem der Magier und er sich vor ein paar Tagen das letzte Mal gesehen hatten.

Yihun hockte im Schneidersitz auf einem der Kissen und hatte den Blick auf den Durchgang gerichtet. Als er Tavoran sah, sprang er auf und machte einen Schritt auf ihn zu.

»Tavoran, wie schön!«

Das Zittern in seiner Stimme war nicht zu überhören und Tavoran fragte sich, ob es an der Freude lag oder an der Nervosität, die sichtbar vom Magier Besitz ergriffen hatte. Seine Bewegungen wirkten fahrig, die Stimme klang ein kleines Bisschen zu hoch und die Augen wanderten unstet zwischen Tavoran und den Geschehnissen hinter ihm hin und her.

Erwartete er, dass noch jemand kommen würde?

»Hallo, Yihun.«

Yihun strich seine Handflächen an den Roben ab und setzte sich wieder, ließ jedoch den Durchgang hinter Tavoran nicht aus den Augen. Er machte eine einladende Geste zum Kissen auf der anderen Seite des Tischchens, auf dem bereits eine große Kanne mit dampfendem Tee und zwei Becher standen.

»Setz dich, du bist herzlich eingeladen.«

Er griff nach der Kanne und goss mit zitternden Händen Tee in die Becher. Der Brauch verlangte es, dass bei Geschäften nach dem erstmaligen Füllen der Becher diese erst leergetrunken werden mussten, bevor das Gespräch auf das Geschäft gelenkt werden durfte.

Tavoran ließ sich ebenfalls im Schneidersitz auf das Kissen nieder. Er griff unter sein Wams, holte den Dolch hervor und legte ihn langsamer als beabsichtigt neben die Teekanne. Gerade weit genug, sodass er ihn mit einer schnellen Bewegung wieder greifen konnte, sollte Yihun Anstalten machen, ihn an sich zu nehmen. 

Yihuns Augen wurden groß. Argwöhnisch beobachtete Tavoran, wie er die Hand nach der Waffe ausstreckte. Doch dann schien sich Yihun eines Besseren zu besinnen und griff stattdessen nach einem der Becher.

Er prostete ihm zu. »Auf unser Geschäft.«

Tavoran griff wortlos nach seinem Tee und nickte Yihun zu, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Schweigend nippten sie an dem würzigen Getränk und Tavoran hob anerkennend eine Augenbraue. Yihun hatte sich einen besonders kostbaren Tee ausgesucht. Je edler der Tee, umso wichtiger galt das Geschäft.

Mit Unbehagen beobachtete Tavoran, wie Yihun den Dolch unablässig musterte, während sie beide in kleinen Schlucken ihre Becher leerten. Natürlich war es Teil des Geschäfts, dass er Yihun den Dolch übergab, aber dennoch hatte er das Gefühl, einen Fehler zu begehen. Seit er den Dolch in seinem Besitz hatte, glaubte er, jedes Mal einen Teil von sich wegzugeben, wenn er ihn ablegte. Doch dieses Gefühl würde er wohl aushalten müssen, wenn er Lyndia wiedersehen wollte.

Yihun gab sich einen Ruck und leerte den Becher in einem Zug. Er stellte ihn zurück auf das Tischchen und blickte Tavoran ungeduldig an, der den Moment auskostete und seinen Tee in kleinen Schlucken austrank. Kaum hatte er seinen Becher ebenfalls auf den Tisch zurückgestellt, brach Yihun das Schweigen.

»Ich sehe, du warst erfolgreich. Sehr gut.«

Yihun streckte erneut die Hand aus und wollte nach dem Dolch greifen, aber Tavoran war schneller. Er legte die Faust um den Griff, behielt die Waffe jedoch auf dem Tisch.

»Nicht so schnell, Yihun. Erst will ich, dass du deinen restlichen Teil der Abmachung erfüllst.«

Die Verärgerung in Yihuns Gesicht wich einem amüsierten Ausdruck. Der jedoch nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass der Magier wie auf Nadeln sass.

»Du willst mir drohen, Tavoran Maras? Einem Magier?«

Tavoran schnaubte. »Dieses Gespräch hatten wir schon einmal.« Er hatte keine Lust, sich mit Yihun zu messen. Wenn es sein musste, könnte er ihm den Dolch auch gleich in die Brust stoßen, bevor der Magier auch nur ahnte, wie ihm geschah. »Ich gebe dir den Dolch erst, wenn es so weit ist.«

Yihun zuckte mit den Schultern. »Nun gut. Ich will nicht derjenige sein, der seinen Teil der Abmachung nicht einhält.«

Misstrauisch behielt Tavoran den Magier im Blick, als er seine Faust mehr um den Dolch schloss und ihn schließlich an sich nahm. Das Gefühl, wieder vollkommen zu sein, stellte sich wieder ein, und Tavoran entspannte sich ein wenig. Mit flinken Bewegungen ließ er den Dolch unter seinem Wams verschwinden. Das spöttische Lächeln, das Yihuns Mund umspielte, versuchte er zu ignorieren.

»Sei gewarnt, Tavoran. Der Dolch findet zum Meister des Dolches zurück. Früher oder später.«

Tavoran zog die Augenbrauen zusammen und wollte etwas erwidern, aber Yihun schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.

»Ich werde mich also an meinen Teil der Abmachung halten. Ich werde deine …«, er machte eine wedelnde Handbewegung und überlegte einen Augenblick, »… Liebste wieder zum Leben erwecken.«

Misstrauisch, dass der Magier Tavorans Forderungen so ohne Weiteres einfach nachgab, verschränkte er die Arme und fragte: »Wann und wo?«

Yihun hob beschwichtigend die Hände. »Nicht so hastig, Tavoran. Vorher gibt es Wichtigeres zu erledigen.« Er machte eine Pause und schien die Verärgerung, die offen in Tavorans Gesicht zu sehen sein musste, zu genießen.

»Und das wäre?«

Yihun griff nach dem Teekrug und goss ihnen beiden betont langsam vom noch immer dampfenden Tee nach. Er schob einen der Becher näher zu Tavoran heran, drehte einen Moment lang den seinen mit spitzen Fingern und tat so, als müsste er überlegen.

Dann blickte er Tavoran aus bernsteinfarbenen Augen scharf an und sagte: »Damit ich Lyndia wiederbeleben kann, brauche ich einen Körper.« 

Er grinste breit und die weißen Zähne blitzten in seinem dunklen Gesicht.

»Du musst mir eine Leiche besorgen, Tavoran.«


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