Kapitel 15:
Der Dolch

Zurück: Gemach, gemach
Weiter: Wieder daheim

Tavoran ließ die ausgestreckte Hand sinken und drehte sich langsam um. Im Durchgang zum Schlafbereich stand Saleja und hielt eine Öllampe in der einen Hand, deren Flamme sie mit der anderen Hand abschirmte. Die fließenden Gewänder verliehen der Zwillingsherrscherin ein beinahe geisterhaftes Aussehen. 

Hatte Saleja doch nicht geschlafen, oder hatte er sie durch sein Tun geweckt? In Gedanken schalt er sich einen Dummkopf. Er hätte sich vergewissern sollen, dass sie wirklich schlief und nichts mitbekam, und hätte notfalls trotz aller Verbote nachhelfen sollen. Früher wäre ihm so ein Fehler nicht passiert. Er fragte sich, ob es vielleicht am Dolch lag und an den Möglichkeiten, die er versprach, dass er die grundlegendsten Dinge einfach ignorierte. Anders konnte er sich sein Verhalten nicht erklären.

»Saleja«, murmelte er, und überlegte sich gleichzeitig, was er ihr sagen sollte. Den wahren Grund seines Besuchs konnte er ihr nicht verraten, auch wenn er nicht glaubte, dass sie gleich die Wachen rufen würde. Aber das Risiko wollte er nicht eingehen und so entschied er sich, so nahe an der Wahrheit zu bleiben, wie er eben konnte. Denn eine Lüge würde länger bestehen, je näher an der Wahrheit sie war.

Saleja schwieg und musterte ihn einen Augenblick, dann stieg sie die wenigen Stufen hinab und kam auf ihn zu. Der Stoff ihrer Kleider war so dünn, dass er mehr von ihrem Körper preisgab, als dass er verbarg.

Das Licht der Lampe blendete Tavoran, als Saleja die Hand sinken ließ, welche das Licht abgeschirmt hatte. Tränen schossen ihm in die Augen, als sie die Lampe etwas höher hob, um sein Gesicht besser erkennen zu können. Schnell wandte er sich ab, blinzelte und rieb sich die Augen. Dieses verfluchte Sternenpulver.

»Tavoran, was tust du hier?«

»Könntest du bitte die Lampe ausmachen?«, fragte Tavoran und ächzte. Er konnte sich nicht erinnern, mit dem Sternenpulver jemals solche Probleme erlebt zu haben. Er konnte die Augen kaum mehr öffnen, so sehr blendete ihn plötzlich das Licht. Hatte er sich in der Dosierung vertan? Oder woran konnte es sonst liegen, dass er so heftig auf das Licht reagierte?

»Und mich in der Dunkelheit hilflos zurücklassen?« Sie lachte leise. »Ich denke eher nicht.« Sie machte eine Pause und tat so, als würde sie überlegen. »Wobei ich die Vorstellung reizvoll finde.« Dann wurde sie übergangslos wieder ernst. »Ich glaube allerdings nicht, dass du deswegen hier bist, Tavoran Maras.«

Wie auf ein Stichwort hin spürte Tavoran plötzlich den Dolch unter seinem Wams. Eine seltsame Wärme schien von ihm auszugehen, die Tavorans Brust erfasste und sein Herz schneller schlagen ließ. Er prüfte flüchtig, dass Saleja den Dolch nicht erahnen konnte, dann drehte er sich wieder zu ihr um und hielt eine Hand schützend vor die Flamme der Öllampe. 

Er versuchte, die Waffe zu ignorieren, und grinste. »Warum nicht?«

Saleja musterte ihn mit gerunzelter Stirn, dann drehte sie sich um, ging zum Tisch hinüber und stellte die Lampe ab. Er beobachtete, wie sie ihre Hand einen Moment über dem Brief schweben ließ, so als müsste sie sich vergewissern, dass er noch da war. Zum Glück hatte er ihn nicht angerührt.

Dann drehte sie sich zu ihm um und ließ sich mit dem Rücken zum Tisch auf ein Sitzkissen sinken. Tavoran atmete auf, als sie nun das Licht mit ihrem Körper abschirmte. Auf ihren Zügen konnte er ein Lächeln erkennen. 

»Weil du schon so lange nicht mehr hier warst. Ich glaube einfach nicht, dass du mich aus diesem Grund besuchen kommst.«

»Woher wusstest du, dass ich es bin?«

Sie blickte ihn halb spöttisch, halb amüsiert an. »Du bist nicht der Einzige, der sich über die Geschehnisse im Palast informieren lässt, Tavoran. Ich wäre eine schlechte Herrscherin, wenn ich nicht wüsste, wer sich in unseren Gemäuern herumtreibt.«

Überrascht hob er die Augenbrauen. Konnte es wirklich sein, dass Dalin geplaudert hatte? Wenn ja, was hatte der Taugenichts sonst noch verraten? Der Kerl schien wirklich den Münzen treuer zu sein als einem Freund. Das würde er sich merken.

»Dann weißt du wahrscheinlich auch, weshalb ich hier bin«, entgegnete Tavoran mit einem anzüglichen Lächeln auf den Lippen und ging langsam auf sie zu. Er hatte keinerlei Absicht, die Nacht mit ihr zu verbringen, auch wenn ihn die Vorstellung reizte. Aber sollte sie nur glauben, dass er deswegen hier war. 

Bei jedem Schritt spürte den Dolch an seiner Brust, warm und verheißungsvoll. Wie würde es sich wohl anfühlen, den Dolch langsam aus der Scheide zu ziehen, die Waffe in der Hand zu wiegen und die schön geschwungene Klinge genüsslich und ohne Hast in Salejas warmes Fleisch zu stechen?

Bei diesem Gedanken erstarrte er. Was war bloß in ihn gefahren? Das waren nicht seine Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen. Niemals würde er Saleja etwas antun wollen.

»Du hast es dir wohl gerade anders überlegt«, stellte Saleja mit leiser Enttäuschung in der Stimme fest.

»Es … tut mir leid«, brachte Tavoran hervor. Der Drang, den Dolch in ihr pulsierendes, kräftiges Herz zu stoßen und das klebrige, rote Blut auf der Klinge zu sehen, wurde beinahe übermächtig. Noch nie hatte er eine solche unbändige Lust empfunden, jemanden zu töten, nicht einmal in den alten Tagen bei den Krähen. Er unterdrückte ein Zittern und ballte die Hände zu Fäusten, um nicht nach dem Dolch zu greifen und dem immer stärker werdenden Drang nachzugeben. Sein Verstand drohte von einer roten Welle überrollt zu werden. Er kniff die Augen zusammen und zwang seine Gedanken mit aller Kraft zur Ruhe.

»Das muss es nicht«, hörte er Saleja sagen und erschrak, als sie ihn plötzlich an den Armen berührte. Er riss die Augen auf und sah ihr direkt ins Gesicht. In dieses makellose, schöne, lebendige Gesicht, das sich einen Atemzug später in ein starres Antlitz mit gebrochenem Blick verwandelte.

Er riss sich los und machte einen Schritt zurück. »Bitte, nicht«, keuchte er. Er musste weg von hier. Bevor er etwas tat, das er anschließend auf ewig bereuen würde.

»Ich bin nur gekommen, um mich zu verabschieden«, brachte er hervor und hob abwehrend die Hände, als Saleja Anstalten machte, ihn erneut zu berühren.

Sie hielt in der Bewegung inne und blickte ihn erst überrascht, dann mit einem traurigen Gesichtsausdruck an. »Was meinst du damit?«

»Ich werde die Stadt verlassen. Schon in den nächsten Tagen.«

»Oh«, sagte sie nur. Dann drehte sie sich langsam ab und ging zum Tisch hinüber. »Warum?«

Der Drang, sie zu töten, wurde leicht schwächer, als sie sich entfernte, und Tavoran atmete hörbar auf. »Ich kann nicht hierbleiben. Zu viel ist in dieser Stadt passiert.«

Sie setzte sich wieder auf das Kissen und schwieg einen Augenblick. 

»Du meinst das ernst«, stellte sie schließlich nüchtern fest.

Tavoran nickte.

»Wirst du zurückkommen?«

Er schwieg. Sobald er Lyndia wieder hatte, würde er mit ihr verschwinden, wo auch immer sie hin wollte. Vielleicht würden sie wirklich die fliegenden Inseln besuchen oder nach Medorien oder Ular weiterreisen. Auf keinen Fall aber wollte er in Catun bleiben, geschweige denn irgend einmal zurückkehren. Als er in Salejas Gesicht blickte, sah er, dass sie sich auf die Lippen biss und blinzelte.

»Ich glaube nicht«, antwortete er dann. Er wollte nicht, dass Saleja seinetwegen traurig war, aber vielleicht war es besser so. Dann würde sich die Trauer irgendwann in Wut wandeln und ihm die Entscheidung, alles hinter sich zu lassen, zusätzlich erleichtern.

Er beobachtete sie, wie sie einen tiefen Atemzug nahm, sich umdrehte und nach dem Brief tastete, der noch immer auf dem Tisch lag. Unschlüssig drehte sie ihn in den Händen, dann zuckte sie mit den Schultern.

»Ich nehme nicht an, dass ich dich aufhalten kann«, sagte sie, mehr als Feststellung denn als Frage.

»Nein, mein Entschluss steht fest.«

»Schade.« Sie seufzte. »Dann kann ich nur hoffen, dass ich dich eines Tages trotz allem wiedersehen werde.«

Tavoran musterte sie einen Moment, entschied sich aber dagegen, darauf etwas zu erwidern. Er wollte keine unnötigen Hoffnungen schüren.

Er ging auf die Geheimtür zu und drehte sich davor noch einmal zu ihr um. »Leb wohl, Saleja.«

Die Zwillingsherrscherin hielt noch immer den Brief in den Händen und blickte ihm hinterher. »Leb wohl, Tavoran Maras.«

Er drehte sich ab und stieg durch die niedrige Tür. Als er sich umdrehte, um sie zu schließen, sah er, wie Saleja die Öllampe ergriffen hatte und den Brief über die kleine Flamme hielt. Sofort fing das Pergament Feuer und das Schreiben löste sich in glühende, schwarze Fetzen auf, die in tanzenden Bewegungen zu Boden fielen.

Tavoran spürte einen feinen Stich im Herzen, als er eine der Türen zu seiner Vergangenheit endgültig schloss.


Weiter: Wieder daheim
Verpasse kein Kapitel!
Trage dich in den Newsletter ein und ich informiere dich jede Woche bequem per Mail, wenn das neueste Kapitel online ist.
Ich versende keinen Spam und behandle deine E-Mail-Adresse vertraulich.