Kapitel 11:
Gut gemeinte Ratschläge

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»Bitte versprich mir, dass du dich vom Dolch fernhalten wirst«, flehte Kerys. Ihr Blick wanderte hektisch auf seinem Gesicht umher und Tavoran sah ihr an, dass sie eine Regung von ihm erhoffte. Doch er konnte sich die Gelegenheit, Lyndia wiederzusehen, nicht entgehen lassen. Als er schwieg, forderte sie: »Dann versprich mir wenigstens, dass du den Dolch nicht benutzen wirst!«

Ihre Hände umklammerten seine noch immer. Er konnte ihre Aufregung nur bedingt nachvollziehen. Gut, mag sein, dass der Gebrauch von einem magischen Artefakt irgendwelche Effekte nach sich zieht. Aber die Seele gleich an einen Gott zu verlieren? Das konnte Tavoran nicht glauben. So schlimm konnte es also nicht sein, wenn Yihun den Dolch zurückhaben wollte. Der hatte den Dolch bestimmt nicht nur zur Zierde dabei, auch wenn sich Tavoran den Magier keineswegs als Mörder vorstellen konnte. Und hatte Yihun definitiv nicht wie einer ausgesehen, der seine Seele bereits verloren hatte. Aber immerhin musste Tavoran sie nicht belügen. Er hatte nicht vor, mit dem Dolch jemanden zu töten.

Er löste sich sanft aus ihrem Griff und versuchte, so aufrichtig zu klingen, wie er konnte. »Keine Sorge, ich werde mit dem Dolch nichts Schlimmes anstellen.«

Sie musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. An ihrem Ausdruck war leicht abzulesen, dass sie mit seiner Antwort überhaupt nicht zufrieden war. Ihre Haltung war noch immer angespannt und er glaubte, einen ganz schwachen Geruch nach verbranntem Harz zu riechen, aber vielleicht täuschte er sich auch. Sie würde ihn doch wohl nicht mit Magie von seinem Vorhaben abbringen wollen?

»Ich brauche frische Luft«, sagte er, erhob sich und verließ das Zelt, bevor Kerys etwas erwidern konnte.


Draußen blendete ihn die Sonne, sodass ihm Tränen in die Augen schossen. Er blieb einen Augenblick stehen und füllte seine Lungen mit frischer Luft. Auch wenn diese nach trockenem Gras, Feuer und gebratenem Fleisch roch, war sie um einiges besser als die stickige Luft im Zelt. Sein Magen knurrte.

Tavoran warf einen Blick zum Lagerfeuer und hielt nach Rinayas Ausschau. Das Angebot, mit ihm zu speisen, wollte er sich nicht entgehen lassen. Außerdem konnte er Kerys’ Bruder ein wenig auf den Zahn fühlen und erfahren, was er davon hielt, dass seine Schwester sich dem Ur-Geist unterworfen hatte.

»Oh, du lebst noch!« Rinayas stand wie aus dem Boden gewachsen neben ihm und grinste. »Komm, iss mit mir und erzähl mir, was du bei meiner Schwester verloren hast.«

Tavoran folgte dem großgewachsenen Mann mit dem kaum wahrnehmbaren gebeugten Gang zum Feuer. Kerys’ Bruder war ein guter Kämpfer und ein stolzer Mann mit aufrechter Haltung gewesen, der sich jetzt alle Mühe gab, noch immer so zu wirken. Aber Rinayas Gang hatte jetzt etwas leicht Vorsichtiges darin, so, als würde er manchmal seinen eigenen Schritten nicht trauen. Wahrscheinlich hatte er sich auf einer der Reisen verletzt, und Tavoran nahm sich vor, ihn später danach zu fragen.

Rinayas drückte ihm einen Teller voller Linsen, knusprig gebratenem Lammfleisch und einem Fladenbrot in die Hand und führte ihn zur Koppel hinüber. Sie setzten sich in das trockene Gras und begannen zu essen.

»Ich habe gehört, du wärst beinahe in den Ur-Geist übergegangen gestern Abend«, sagte Rinayas schließlich zwischen zwei Bissen. Doch es klang mehr nach einer Frage als nach einer Feststellung.

»Ich weiß nicht«, antwortete Tavoran schulterzuckend. »Das jedenfalls behauptet deine Schwester.«

Rinayas ging nicht auf die Antwort ein und schwieg einen Augenblick. Ohne sein Mahl zu unterbrechen und ohne davon aufzuschauen fragte er schließlich: »Hast du dich bei ihr bedankt?«

Erst jetzt merkte Tavoran, dass er das nicht getan hatte. Augenblicklich beschlich ihn ein schlechtes Gewissen. Dann aber erinnerte er sich an den Schmerz und die Magie in seinem Körper und sein schlechtes Gewissen verflog augenblicklich.

»Nein, habe ich nicht. Aber ich habe ihr wenigstens nicht den Kopf abgerissen, nachdem sie mich gegen meinen Willen magisch geheilt hat.«

Rinayas hielt mitten in der Bewegung inne und blickte ihn scharf an. Tavoran sah, wie er seine Augen ein kleines Bisschen verengte, langsam zu Ende kaute und den Bissen hinunterschluckte. Tavoran erkannte eine feine vernarbte Linie, die sich quer über von einer Seite zur anderen über seinen Hals zog.

»Du solltest lernen, deine Abneigung gegenüber Magie und denen, die sie anwenden, zu überwinden«, knurrte Rinayas. »Sonst bringt dich das irgendwann noch um.«

Tavoran war sich nicht sicher, ob es eine Warnung oder eine Drohung war. Aber bevor er etwas erwidern konnte, hörte er Schritte hinter sich im knöchelhohen Gras.

»Er sollte besser alles meiden, was mit Magie zu tun hat«, sagte Kerys und setzte sich neben den beiden ins Gras. In der einen Hand hielt sie einen vollen Teller und in der anderen drei mit Bier gefüllte Krüge, von denen sie je einen an Tavoran und Rinayas weitergab.

Sie prostete den beiden zu und nahm einen großen Schluck. »Aber vielleicht verrät er ja dir, warum er unbedingt einen magischen Dolch stehlen will, wo er doch Magie mehr meidet als die Fische die Wüste.«

Sie warf einen Seitenblick auf Tavoran. »Und wo er doch lieber sterben würde, als mit Magie etwas zu tun zu haben.«

Rinayas wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund und runzelte die Stirn. »Was für ein magischer Dolch?«, fragte er an Tavoran gewandt.

Tavoran öffnete den Mund, um zu antworten, aber Kerys war schneller. 

»Der Dolch der Seelen.«

Langsam ließ Rinayas den Krug sinken und starrte Tavoran mit großen Augen an. »Du bist von Sinnen!«

Ärger stieg in Tavoran auf. »Meine Güte, ihr habt mir nun genügend Male gesagt, dass er gefährlich ist«, entgegnete er unwirsch. »Keine Sorge, ich habe nicht vor, den Dolch zu benutzen. Ich besorge ihn lediglich für jemanden.«

»Für wen?«

»Ich verrate meine Auftraggeber nicht.«

»Wer ist es?«, hakte Kerys energisch nach.

Tavoran schnaubte. »Das geht euch nichts an.«

»Oh doch. Denn ich bin Magierin, und wenn der Seelensammler nach Catun kommt, bin ich eine der ersten, auf die er Jagd macht.«

Daran hatte Tavoran nicht gedacht. Was, wenn der Gott nicht nur angelockt wird, wenn mit dem Dolch jemand getötet wird, sondern auch, wenn der Dolch benutzt wird, um jemanden wiederzubeleben?

»Catun hat doch genügend Stadtmagier, um sich vor dem Gott zu schützen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass sich einer hierher verirrt«, entgegnete Tavoran.

Er erinnerte sich daran, als Catun einst sogar über einen eigenen Stadtgott verfügt hatte und ihn in den großen Tempeln gehalten hatte. Längst nicht alle Götter waren so gefährlich wie der Seelensammler und es gab sogar solche, die den Menschen von direktem Nutzen sein konnten. Der alte Stadtgott von Catun war für seine Heilkräfte bekannt gewesen, und so waren Kranke und Verletzte von überall her in die Hauptstadt von Amyrien gereist. Vor ein paar Jahren jedoch war der Gott verstorben und seither versuchten Heilmagier und andere Scharlatane mit dem Leiden anderer ein paar Münzen zu verdienen. Unter anderem auch ein Grund, warum die Zwillingsherrscher den Handel mit magischem Bernstein so stark regulierten.

Kerys schnaubte. »Ich will mich lieber nicht darauf verlassen müssen.«

»Was bekommst du dafür?«, fragte Rinayas an Tavoran gewandt.

»Die Bezahlung reicht«, antwortete Tavoran kurz angebunden. Er sah in den Gesichtern der beiden, dass sie mit seiner Antwort nicht zufrieden waren. Aber er schwieg und hielt es für das Beste, keine Worte mehr über den Auftrag zu verlieren. Es reichte schon, dass sie über den Dolch Bescheid wussten, und ausreden konnten sie ihm sein Vorhaben so oder so nicht. Er entschied sich, zum Gegenangriff überzugehen.

»Wenn du dich nicht auf Stadtmagier verlassen willst, Kerys, dann hättest du vielleicht nicht Magierin werden sollen.« Tavoran fing Kerys’ Blick auf. »Warum?«

Zu Tavorans Überraschung war es ihr Bruder, der antwortete.

»Sie hat mein Leben gerettet.« Rinayas deutete auf die dünne Narbe an seinem Hals. »Es geschah bei einem Überfall auf unser Lager im letzten Winter. Wenn Kerys nicht gewesen wäre, wäre ich jetzt nicht hier.«

»Das ist eine rührende Geschichte, aber leider nicht die Antwort auf meine Frage.«

Diesmal antwortete Kerys. »Beim Angriff wurde auch unser Heiler, ein Schamane, getötet. Ich konnte zwar Rinayas vor dem unmittelbaren Tod bewahren, aber sein Leben hing am seidenen Faden. Ich musste zusehen, wie er tagelang um sein Leben kämpfte und nicht nur er brauchte Hilfe. Also fällte ich die Entscheidung, mich mit dem Ur-Geist zu verbinden, erhielt seine Macht und konnte meinen Bruder und viele von unserer Sippe retten.« 

Sie verstummte und Tavoran sah ihr an, dass sie noch mehr hätte sagen wollen. Die Erinnerung an das Geschehen und den Verlust bereitete ihr sichtbare Schmerzen. Er nahm an, dass auch die Tage nach der Verbindung mit dem Ur-Geist sehr zehrend und alles andere als angenehm gewesen sein mussten. Insgeheim zollte er ihr große Achtung. Denn nicht jeder überstand die Verbindung mit dem Ur-Geist unbehelligt.

Eigentlich hätte er sich freuen müssen, dass sie beide noch hier sassen. Doch seine Freude wurde von dem Gefühl überlagert, versagt zu haben. Er war in einer ähnlichen Situation gewesen wie Kerys, als sie ihren sterbenden Bruder in den Armen gehalten hatte. Nur, dass sie ihn hatte retten können. Sie hatte sich für ihren Bruder geopfert und sich auf ein Leben als Magier eingelassen.

Er hatte Lyndia nicht retten können. 

Aber jetzt bot sich ihm die Möglichkeit, das alles wieder gutzumachen.


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