Kapitel 8:
In der Teestube

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Der Tee in den fein getöpferten Bechern dampfte und duftete nach frischer Minze. Ein Krug mit weiterem Tee stand zwischen Tavoran und dem Fremden auf einem kleinen, mit Ranken und Blumen verzierten geschmiedeten Gestell und wurde von einer Kerze warmgehalten.

Zu gerne hätte Tavoran gleich auf dem Markt erfahren, worauf der Fremde mit seiner Aussage angespielt hatte und woher er überhaupt von Lyndia wusste. Aber dieser hatte sich geweigert, weitere Informationen preiszugeben, und wollte diese Angelegenheit höchstens unter vier Augen besprechen. 

 Eher aus Zufall denn aus Absicht hatte Tavoran Andradas Teestube im ruhigeren Viertel der Stadt vorgeschlagen, in welchem die Gassen nicht so beklemmend wirkten und vor Schmutz starrten. Der Fremde wirkte sichtlich erleichtert, seit sie den Markt verlassen und den Weg zur Teestube eingeschlagen hatten. Trotzdem hatte er sich immer wieder umgesehen, Tavoran jedoch nicht verraten, wen oder was ihn dermaßen beunruhigte. Auf alle Fragen, die ihm Tavoran auf dem Markt oder auf dem Weg in die Teestube gestellt hatte, wollte der Fremde nicht beantworten.

»Nicht hier. Ich verspreche dir, du erhältst Antworten zu all deinen Fragen, wenn wir unter uns sind«, hatte er gesagt und anschließend alle weiteren Fragen und Gesprächsversuche seitens Tavoran ignoriert.

Die Teestube war ein kleines, blau-weiß getünchtes Haus mit großen Fenstern, an deren Rahmen Blauregen emporkletterte. Das Bodenmosaik im Inneren war am Eingang bereits etwas abgelaufen, tat jedoch seiner Schönheit keinen Abbruch. An den niedrigen Tischchen aus geschnitztem Kiefernholz sassen vereinzelte Gäste auf Sitzkissen und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Es roch überwiegend nach Minze, dem traditionellen Tee aus Amyrien. Lyndia hatte sich mit diesem Tee nie anfreunden können und deshalb immer Granatapfeltee mit Honig getrunken. Tavoran fühlte einen Stich im Herzen, als ihm einfiel, dass er das letzte Mal mit ihr hier gewesen war. Er erinnerte sich daran, wie sie von der hellen Gasse hereingekommen war und sich erst ein paar Augenblicke an das schummrige Licht im Inneren hatte gewöhnen müssen, bevor sie ihn an einem der Tischchen entdeckt hatte. Ihr Lächeln war umwerfend gewesen.

Tavoran griff nach seinem Becher, setzte ihn an die Lippen und genoss den erfrischenden Minzetee. Er schloss einen kurzen Moment die Augen und stellte sich Lyndia vor, wie sie ihm gegenüber sass und sich voller Freude über die mit Mandelmus gefüllten Backwaren hermachte. Mit einer kecken Bewegung schnippte sie einen Krümel aus dem Mundwinkel und grinste Tavoran mit vollem Mund an. Er seufzte. 

Als er die Augen öffnete, sass ihm gegenüber nicht eine schwarzgelockte Schönheit mit olivfarbener Haut, sondern ein fremder Magier aus Ular mit kahlrasiertem Schädel und schwarzem Spitzbart, der auf seiner dunklen Haut beinahe nicht erkennbar war, wäre er nicht bereits an ein paar Stellen ergraut. Die bernsteinfarbenen Augen musterten Tavoran aufmerksam.

»Also, wer bist du und was willst du von mir?« Tavoran stellte den Becher auf den Tisch zurück und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Wand hinter ihm. »Und ich will die ganze Wahrheit hören.«

Der Fremde nahm einen Schluck Tee und nickte anerkennend, dann räusperte er sich. Tavoran wusste nicht, ob das Nicken ihm oder dem Tee gegolten hatte.

»Mein Name ist Yihun Selam und ich bin, wie du unschwer erkennen kannst, Magier und stamme aus Ular.« Er machte eine Pause, so als wüsste er nicht, wo er weiterfahren sollte, und blickte Tavoran erwartungsvoll an. Tavoran ließ ihm Zeit. Er hatte einige Fragen, aber er wusste, dass es manchmal besser war, sein Gegenüber einfach reden zu lassen. Er hatte keine Eile.

»Ich habe einen Auftrag für dich«, fuhr er fort, als Tavoran nichts erwiderte.

»Das hast du mir bereits mehrmals gesagt, und auch wenn ich dabei betrunken war, so kann ich mich noch daran erinnern. Und ich bin nicht dumm«, sagte Tavoran in leicht gereiztem Tonfall. »Erzähl mir nicht, was ich schon weiß.«

»Ich bin hier, weil ich auf der Suche nach etwas bin, das mir gehört. Etwas, das nur du mir besorgen kannst«, fügte Yihun rasch an und erwartete eine weitere Reaktion von ihm.

Tavoran verdrehte in Gedanken die Augen. Er hatte keine Lust, dem Fremden alles aus der Nase ziehen zu müssen. »Und was soll das sein?«

»Ein Dolch.«

»Ein Dolch«, wiederholte Tavoran mit gespielter Überraschung. »Wie schön. Und dazu brauchst du mich? Wenn ich mich recht entsinne, gibt es in dieser verdammten Stadt genügend Diebe, die für dich einen Dolch stehlen können.«

»Aber ich brauche den besten Dieb. Und man hat mir gesagt, dass du das bist.«

»So, hat man das?« Es war eher eine Feststellung als eine Frage. Tavoran überlegte, wer das wohl gewesen sein könnte. Er sparte es sich, Yihun danach zu fragen, denn wenn es eine Krähe gewesen war, dann hatte diese ihm bestimmt nicht den richtigen Namen verraten. Tavoran nahm einen weiteren Schluck aus seinem Becher. 

»Und von wem muss der scheinbar beste Dieb der Stadt dir deinen Dolch besorgen?«

»Von den Zwillingsherrschern.«

Tavoran lachte auf. »Auf Einbruch und Diebstahl in den Herrscherpalast steht die Todesstrafe. Das ist hinlänglich bekannt. Warum sollte ich für dich mein Leben riskieren? Wegen eines einfachen Dolches?« Er musterte Yihun. In dessen Gesicht zeigte sich keine Regung, aber die bernsteinfarbenen Augen blitzten.

»Es ist kein einfacher Dolch. Er ist mir eine ganze Menge wert, und ich bin auch bereit, dich dafür angemessen zu belohnen.«

Der bestimmte Tonfall überraschte Tavoran. Das Gespräch hatte soeben eine ganz andere Dringlichkeit erhalten. Endlich eine Grundlage, womit er arbeiten konnte.

»Außerdem hat man mir gesagt, dass du dich im Palast ganz gut auskennst«, fügte Yihun mit einem Augenzwinkern an.

Nun gut, Yihuns Informant wusste tatsächlich eine Menge über Tavoran. Dass er hin und wieder des Nachts die Zwillingsherrscherin im Palast besuchte, war eigentlich nur Verran bekannt gewesen. Wenn der nicht geplaudert hatte, dann musste er es sein, der Yihun die Informationen zugesteckt hatte. Dabei hatte Verran ihn gerade erst noch davor gewarnt, sich in die Angelegenheiten der Krähen einzumischen, warum also gab er Tavorans Informationen weiter? Er fragte sich, was Yihun dafür bezahlt hatte.

»Wie viel?«, fragte Tavoran, ohne auf die Bemerkung von Yihun einzugehen.

Dieser holte einen Beutel hervor, in dem auffallend viele Münzen klimperten, als er ihn auf die Tischplatte fallen ließ. Er deutete auf den Sack und machte eine einladende Handbewegung. Tavoran griff nach dem Beutel und wog ihn in der Hand. Er verzichtete darauf, einen Blick hinein zu werfen, und gab ihn Yihun zurück, der den Beutel unverzüglich wieder verschwinden ließ. Das, was Yihun ihm anbot, war verdächtig viel Gold für einen einfachen Dolch. 

Zugegeben, das Angebot reizte ihn. Doch er wollte dem Fremden noch etwas auf den Zahn fühlen, bevor er sich entschied. Und er wollte herausfinden, was Lyndia damit zu tun haben konnte.

»Was ist das für ein Dolch?«, fragte Tavoran. »Und komm mir nicht mit Familienerbstück. Dafür ist mir mein Leben zu wertvoll.«

Yihun zögerte und drehte den Becher in den Händen. Er machte den Anschein, als würde er Tavoran lieber nichts davon erzählen wollen, und als überlegte er, womit er ihn am besten abspeisen konnte. Doch Tavoran wollte sich ganz bestimmt nicht auf etwas einlassen, wovon er nicht wusste, was es war. 

»Es ist ein magischer Dolch. Damit kann ich die Toten zurückbringen«, sagte Yihun schließlich. Die beiden fixierten einander mit ihren Blicken, schließlich war Yihun der Erste, der ihn senkte.

»Du lügst«, stellte Tavoran fest.

»Warum sollte ich?«, fragte Yihun überrascht.

»Ich habe noch von keinem Dolch gehört, der Tote wiederbeleben kann«, erwiderte Tavoran.

Yihun kräuselte die Lippen. »Du hast von vielen magischen Dingen noch nicht gehört, Tavoran. Auch wenn ich es wollte, ich kann dir im Augenblick nicht beweisen, was der Dolch kann, da ich ihn bekannterweise nicht habe.«

»Du behauptest also, dass du Lyndia wiederbeleben kannst? Woher hast du überhaupt von ihr gehört?«

Der Mann aus Ular lächelte und hob entschuldigend die Hände. »In deinen abendlichen Tavernenbesuchen bist du nicht immer sehr …«, er suchte nach den richtigen Worten, »zurückhaltend, was deine Vergangenheit angeht. Da habe ich wohl das eine oder andere aufgeschnappt.«

»Wie geht das?«

»Was, andere belauschen?« Yihun grinste. Er hatte Fahrt aufgenommen und Tavoran spürte, wie ihm das Gespräch entglitt.

»Das Beleben der Toten. Kannst du das mit Lyndia tun?«, frage er leicht verärgert.

Der Magier nickte. »Ich kann es dir aber jetzt nicht beweisen. Du musst mir wohl einfach vertrauen müssen.«

Einem Magier vertrauen? Tavoran schnaubte verächtlich. Aber er musste zugeben, dass die Idee ihn reizte. Wenn der Magier Lyndia tatsächlich wiederbeleben könnte, dann würde er endlich seine Schuld tilgen können. Vielleicht könnten sie sogar ihren Mörder finden, und dann würden sie die Stadt verlassen und irgendwo, vielleicht jenseits der Meerenge im Norden, gemeinsam ein neues Leben beginnen.

In den Palast einzusteigen war ein Kinderspiel. Saleja, die Zwillingsherrscherin, hatte er schon eine Weile nicht mehr gesehen und den Einbruch konnte er mit einem nächtlichen Besuch bei ihr tarnen. Den Dolch zu stehlen wäre wahrscheinlich auch nicht viel schwieriger. Sollten die Zwillingsherrscher den Dolch in der Schatzkammer aufbewahren, war es für Tavoran ein leichtes, das Schloss zu knacken, immerhin hatte er sich vom selben Schlosser jenes für seine Truhe herstellen lassen. Sollte das Schloss mit Magie versiegelt sein, gäbe es auch hierfür eine Lösung. Und bis der Diebstahl bemerkt werden würde, hätte er seine Lyndia wieder und mit ihr zusammen längst die Stadt verlassen.

Er hatte sich entschieden.

Tavoran leerte seinen Becher und stellte ihn entschlossen auf den Tisch. Er blickte in die funkelnden Augen des Magiers und ignorierte das schwache, ungute Gefühl in seiner Magengegend.

»Du bezahlst mir zwei Drittel im Voraus.«

Er streckte dem Magier die Hand entgegen und sie schlugen ein.


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