Kapitel 7:
Markttag

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Tavoran war die Lust am Baden vergangen. 

Nach der unverhohlenen Drohung hatte Verran das Bad verlassen und Tavoran war alleine zurückgeblieben. Er hatte versucht, sich im lauwarmen Wasser nochmals ein wenig zu entspannen, aber die Gedanken waren immer wieder um Verrans Drohung gekreist und hatten verhindert, dass er zur Ruhe kam.

Er verließ das Becken, griff nach dem groben Leinentuch, das ihm ein Bediensteter hinhielt, und wickelte es sich um die Hüften. Dann durchquerte den Raum und betrat den Innenhof. Unter normalen Umständen würde er es sich auf einer der Liegen gemütlich machen, von den gereichten Früchten naschen und einen kleinen Becher Khormag genießen, aber sogar darauf hatte er keine Lust mehr. Er hatte weder Augen für die Wandbemalungen, noch für das fein gearbeitete Mosaik auf dem Boden des Innenhofs, an dessen Schönheit er sich jeweils gerne sattsah. Jetzt kam es ihm vor, als würden ihn die gemalten Helden aus den istrischen Sagen verhöhnen.

Tavoran hielt nach Zerdes Ausschau, dem er nicht begegnen wollte. Er wollte ihm nicht erklären müssen, weshalb er Zerdes’ Lieblingsgetränk und die angeblich besten Früchte in ganz Catun verschmähte.

Rasch durchquerte er den Innenhof, ging unter dem reich verzierten Säulengang hindurch und betrat den kleinen Raum, der als Umkleideraum galt. Aus einem großen, fein geschnitzten Schrank reichte ihm ein Bediensteter auf Anweisung seine Habseligkeiten. Nachdem sich Tavoran angezogen und vergewissert hatte, dass er einigermaßen akzeptabel aussah, verließ er die Thermen.


Draußen war es bereits heiß geworden und der Staub der Straßen wurde von unzähligen Füssen und Hufen aufgewirbelt. Ein emsiges Treiben hatte die Stadt im Griff. Die Straßen und Gassen hatten sich mit Menschen gefüllt, die ihre Besorgungen erledigten oder Waren transportierten. Viehhändler trieben ihre Tiere durch die Straßen zum Marktplatz, Marktschreier warben um Kundschaft, Schweine quiekten und Pferde wieherten und über allem lag ein Geruch aus Schweiß, Fäkalien, Gekochtem und Gebratenem. Das Getümmel lenkte Tavoran von seiner Wut auf Verran ab. Er atmete tief ein, stieg die staubigen Stufen der Thermen hinunter und tauchte in das Treiben ein.

Er wählte nicht den direkten Weg zum Marktplatz, sondern wollte erst den Näherinnen einen Besuch abstatten. Die Nähstube lag in einer kleinen Seitengasse, in der weniger Treiben herrschte. Tavoran erkannte Enna, die mit einer zweiten Näherin, die er nicht kannte, auf kleinen Hockern vor dem Eingang saß und das Tageslicht nutzte, um die Stoffe zu verarbeiten. Während die beiden Frauen nähten, musterten sie ab und an die Leute, die an ihnen vorbeigingen und scherzten. Tavoran nahm an, dass sich Enna einmal mehr über die Kleidung mancher Leute lustig machte. Das konnte sie fast so gut wie nähen.

Als Enna Tavoran erblickte, verschwand das Lachen aus ihrem Gesicht. Sie unterbrach das Gespräch, legte die Arbeit in den Schoss und blickte ihn abschätzig an.

»Wenn man vom Abschaum spricht.« Sie spuckte ihm einen graugrünen Klumpen Kautabak vor die Füße.

»Dir auch einen guten Morgen, Enna«, begrüßte Tavoran die rundliche, grimmig blickende ältere Frau. Er kannte sie schon lange, sie war Näherin, seit er sie kannte. Als er klein gewesen war, hatte er manchmal Botengänge für sie erledigen und so die eine oder andere Münze verdienen können. Damals war sie gut auf ihn zu sprechen gewesen und hatte den unschuldigen Tavoran in ihr Herz geschlossen. Bis er sich schließlich mit jungen Jahren den Krähen angeschlossen hatte. Dank, oder wegen der Krähen, war sie damals unfreiwillig Besitzerin der Nähstube geworden, nachdem ihr Vater von den Krähen beseitigt worden war. Seither aber hatte es keine Probleme mehr mit den Zahlungen gegeben.

Tavoran war damals noch zu jung gewesen, als dass er damit etwas zu tun gehabt hätte, was für Enna aber keinen Unterschied machte: Krähen waren Krähen. Wahrscheinlich wusste sie nicht einmal, dass er nicht mehr beim Syndikat war, aber das spielte keine Rolle. Sie war schlau genug, dass sie sich Aufträgen von Krähen nicht widersetzte, auch wenn sie keinen Hehl daraus machte, was sie von ihnen hielt.

Er nickte der anderen Näherin zu.

Enna musterte ihn und ihr Blick blieb an der Wunde über seinem Auge hängen. »Wie ich sehe, bringst du Arbeit.«

»Ach, Enna. Du kennst mich zu gut.« Tavoran setzte ein versöhnliches Lächeln auf, aber Ennas Blick blieb abweisend. Er holte das kaputte Hemd aus seiner Umhängetasche und streckte es ihr hin.

»Ich fürchte, diesmal braucht es ein wenig mehr Aufmerksamkeit von dir.«

Enna nahm ihm das Hemd aus der Hand und hielt es an den Schulternähten hoch. Sie musterte den großen, mittlerweile dunkelbraun-schwarzen Blutfleck auf der Brust und das ausgefranste Loch in der Mitte einen Augenblick kommentarlos und mit gerunzelter Stirn, dann faltete sie das Hemd zusammen.

»Das wird eine Weile dauern«, sagte sie mit eisiger Stimme. »Bezahlt wird …«

»Wie immer im Voraus, ich weiß«, fiel ihr Tavoran ins Wort. Er kramte eine Münze aus seinem Geldbeutel und warf sie ihr in hohem Bogen hin. Enna fing sie im Flug auf, biss einmal kräftig drauf und musterte sie. Dann ließ sie die Münze unter ihren Gewändern verschwinden.

»Das kränkt mich jetzt, Enna. Glaubst du wirklich, ich würde dir Falschgeld andrehen?«

»Bei euch Krähen weiß man nie.«

Tavoran beugte sich zu ihr herunter, sein Mund ganz nah an ihrer Wange. »Aber du weißt, dass ich in ein paar Tagen wiederkomme. Also bist du dann besser fertig mit meinem Hemd«, raunte er ihr ins Ohr und bemerkte mit Zufriedenheit die Gänsehaut, die sich auf ihrem Nacken ausbreitete. Er richtete sich wieder auf und nickte der jungen Näherin zu, welche die ganze Szene ohne einen Mucks, aber mit aufgerissenen Augen beobachtet hatte und sich schnell wieder ihrer Arbeit annahm.

Er hatte in keiner Weise vor, Enna irgendetwas anzutun. Aber ein bisschen Einschüchterung hatte bei ihr noch nie geschadet. Als er die Näherinnen und die Gasse verließ, konnte er ihre hasserfüllten Blicke wie kleine Dolche in seinem Rücken spüren.


Tavoran hatte seinen Verfolger schon vor einer Weile bemerkt. Es war eindeutig der Magier von gestern Abend, Tavoran hatte ihn an der deplatziert wirkenden Kleidung in Kombination mit der Hautfarbe sofort erkannt. Obwohl er auf eine Art neugierig war zu erfahren, was der Fremde eigentlich von ihm wollte, verspürte er keine Lust, sich mit einem Magier rumzuplagen. In seiner Vergangenheit hatten diese immer nur Ärger bedeutet und daran würde sich bis heute nichts geändert haben.

Zu Tavorans leichter Verärgerung ließ sich der Magier allerdings nicht abschütteln, auch nicht im Gewimmel, das auf dem Marktplatz herrschte. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn erneut zu stellen. Tavoran schlängelte sich zwischen mit Waren beladenen Karren, unzähligen Besuchern, feilschenden Händlern und voll beladenen Marktständen hindurch, währenddem er Ausschau nach Krähen hielt. Nach der unverhohlenen Drohung von Verran wollte er ihnen für eine Weile aus dem Weg gehen.

Tavoran vergewisserte sich, dass der Fremde ihn im Blick hatte, und ging langsam an der Auslage des Gewürzhändlers vorbei. Für die vielen Leinensäcke mit Pfeffer, Zimt und weiteren bunten Kräutern und Gewürzen hatte er jedoch nur einen flüchtigen Blick übrig. Verstohlen behielt er den Fremden im Blick, der sich durch die Menge quälte und versuchte, Tavoran nicht aus den Augen zu verlieren. Alle paar Atemzüge sah er sich mit angespannter Miene um, so, als schien er zu befürchten, seinerseits verfolgt zu werden.

Tavoran wunderte sich, warum der Kerl ihn nicht einfach ansprach, sondern sich die Mühe machte, ihn durch das größte Gewimmel in ganz Catun zu verfolgen. Vielleicht hoffte er, Tavoran in einer ruhigen Seitengasse zu erwischen. Diesen Gefallen würde er ihm ganz sicher nicht tun. Auch hatte er nicht vor, wegen des Fremden seine Pläne zu ändern: Er hatte schließlich ein paar Dinge zu besorgen.


Der Marktstand des Kräuterhändlers Balar lag direkt neben dem Korbflechter, der seine Körbe zu mannsgroßen Türmen aufeinandergestapelt hatte. Balar stand zusammen mit einem Kunden vor seinen Auslagen und erklärte gerade die appetitfördernde Wirkung des Sumpfklees, als er Tavoran erblickte. Er grüßte ihn mit einem Kopfnicken und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, dass er gleich zu ihm kommen würde.

In der Zwischenzeit musterte Tavoran die Auslagen. In Körben und Säcken präsentierte Balar die Kräuter, welche vor allem in der heimischen Küche und Heilkunst Verwendung fanden. Fein säuberlich beschriftete Täfelchen bezeichneten die etwas weniger geläufigen Kräuter, wie etwa den Sumpfklee gegen Appetitlosigkeit, den Groben Wüterich gegen Verstopfung, das Echte Steinveilchen gegen Kopfschmerzen jeglicher Herkunft oder das Blaue Mondkraut für die Führung der Seele zurück zum Lesh’Rakha. Doch Tavorans war nicht nur wegen dieser Kräuter hier. Balar verkaufte gelegentlich ganz andere Waren.

»Tavoran!« Balar hatte den Kunden verabschiedet und kam zu Tavoran herüber. »Mit dir hätte ich so schnell nicht wieder gerechnet«, sagte er.

»Ich habe ein paar anstrengende Tage hinter mir«, antwortete Tavoran. 

Balar grinste breit und seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. »Das sehe ich. Dann wie immer dasselbe?«

Tavoran nickte. Balar füllte einen Beutel mit Blauem Mondkraut, dann verschwand er hinter dem Stand, um Beutelchen von jenen Kräutern hervorzuholen, die nicht für jedermann bestimmt waren. Einen Augenblick später kehrte er zurück.

»Ich habe dir noch einen kleinen Beutel Feuertabak aus Istrien beigelegt. Den habe ich gestern frisch erstanden. Allerbeste Qualität.«

Tavoran nahm den Tabakbeutel entgegen, öffnete ihn und roch daran. Die getrockneten Blätter verströmten einen herben und schweren Duft, der von einer leichten süßen Note begleitet wurde. Er kannte diesen Geruch aus Zerdes’ Thermen. Und wenn Zerdes dieses Kraut rauchte, konnte es ja nur gut sein.

»Hab besten Dank«, sagte Tavoran, verknotete den Beutel und gab ihn Balar zurück. »Wie viel schulde ich dir?«

Balar nannte ihm einen fairen Preis und Tavoran bezahlte ohne Widerrede. Bevor der Händler ihm die Beutel in die Hand drückte, hielt er einen Augenblick inne. »Wenn sie dich erwischen, hast du den Kram nicht von mir.«

Tavoran nickte mit einem gewinnenden Lächeln. »Natürlich.«

Er nahm die Beutel entgegen und ließ sie in seiner Umhängetasche verschwinden. Er verzichtete auf weitere Vorsichtsmaßnahmen, denn er wusste, wie er den Wachen aus dem Weg ging. Er würde sich ganz bestimmt nicht erwischen lassen, denn dies würde mit einer Nacht im Blutturm enden, in der die Wachen alles daran setzen würden, um herauszufinden, wer ihm die Ware verkauft hatte.

»Gehört der da eigentlich zu dir?« Balar machte eine Kopfbewegung in Tavorans Richtung. Dieser musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Balar den Fremden meinte.

»Ach, der will irgendwas von mir und folgt mir durch die Stadt wie eine läufige Hündin.«

»Ein Magier? Vielleicht solltest du ihn loswerden.«

»Ja, wäre wahrscheinlich besser für alle.«

Balar lachte. Sie schlugen ein und Tavoran verabschiedete sich. Er drehte sich um und ging auf den Fremden zu, der ein paar Schritte entfernt im Schatten der Korbtürme stand und sich immer wieder beunruhigt umsah. Als er ihn erreicht hatte, packte Tavoran ihn am Kragen und zog ihn zu sich heran. Ein schwacher Duft nach verbranntem Harz umhüllte ihn.

»Was willst du von mir?« Seine Stimme klang scharf.

Die bernsteinfarbenen Augen des Fremden blickten hektisch umher und vermieden es, Tavoran anzusehen.

»Wie ich schon sagte …« Er schluckte. »Ich habe einen Auftrag für dich.«

»Und wie ich schon sagte, mache ich keine Geschäfte mit Magiern. Hast du das etwa schon vergessen?« Er ließ den Mann mit einem Ruck los, sodass dieser nach hinten stolperte und einer der Korbtürme gefährlich ins Wanken geriet.

»Ich will nichts mit dir zu tun haben. Lass mich in Ruhe, oder ich werde selber dafür sorgen, dass du aus meinen Augen verschwindest.«

Tavoran blickte den Fremden einen Augenblick wutentbrannt an, dann drehte er sich ab und ging davon. Er wich einer Marktfrau aus, die eine Schale voller Obst auf dem Kopf balancierte und schlängelte sich weiter durch den Markt. Zu seinem Missfallen hatte sich der Fremde von seiner Drohung nicht einschüchtern lassen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich der Magier ungelenk zwischen den Marktgängern hindurchquetschte und versuchte, nicht den Anschluss zu verlieren.

»Warte, Tavoran! Du weißt doch gar nicht, worum es geht.« Seine Stimme klang flehend.

»Das interessiert mich nicht!«, rief Tavoran über die Schulter zurück und machte fluchend einen Ausfallschritt, weil er deswegen fast die beiden Ziegen übersehen hatte, die seinen Weg kreuzten.

»Ich weiß, wer du bist und was du kannst. Ich brauche deine Hilfe!«

Tavoran schnaubte. Wenn der Fremde wirklich wüsste, wer er war, dann wäre er wohl nicht so leichtsinnig, ihn dermaßen auf die Nerven zu gehen. Entweder war er dumm oder verzweifelt, und dem Tonfall der Stimme zu urteilen, eindeutig Letzteres. 

Dies änderte jedoch nichts an Tavorans Einstellung.

Er war stehengeblieben und wartete, bis der Magier zu ihm aufgeschlossen hatte. Inmitten des Marktes würde er die Hand nicht gegen den Fremden erheben, schon gar nicht mit einer Tasche voll verbotener Kräuter. Aber vielleicht konnte er ihn genügend einschüchtern, dass er es endlich verstand. Und sonst würde er ihm dies spätestens in einer Seitengasse zu verstehen geben.

»Ich sage es dir jetzt zum letzten Mal.« Tavoran stellte sich so nahe vor den Fremden, dass er seinen Atem fühlen konnte. Tavoran spürte, dass der Magier überall lieber wäre als hier, Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn und die Halsschlagader pulsierte in schnellem Rhythmus. Tavoran musste aufpassen, dass der Fremde nicht die Nerven noch ganz verlor. Ein verzweifelter Magier wollte niemand in der Nähe haben. Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und fixierte den Blick des Fremden.

»Ich will mit deinen Geschäften nichts zu tun haben. Und wenn du mir noch einmal zu nahe kommst, bringe ich dich um.« Tavoran ließ seine Worte zwei Atemzüge wirken, dann drehte er sich ab und machte einen Schritt in die Menge. 

»Tavoran, warte!«

Der Fremde griff nach seinem Arm und hielt ihn zurück. Tavoran fuhr zornig herum und hob die Faust, bereit, dem Fremden zu zeigen, wie ernst er es mit seiner Drohung meinte. Dieser hob abwehrend die Hände vor sein Gesicht. »Warte!«

Mit aufgerissenen Augen blickte er Tavoran an. 

»Ich bringe dir Lyndia zurück.«


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