Kapitel 5:
Daheim ist es am schönsten

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Tavoran bog in seine Gasse ein und ging am Laden des Töpfers Halan vorbei, der seine Werkstatt um diese Zeit schon längst geschlossen hatte. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Wand neben der Tür und erkannte im schummrigen Licht der Laterne eine mit Kohle hingekritzelte Spirale, zusammen mit einigen Punkten und sich kreuzenden Wellenlinien. Die Ladenbesitzer und Bewohner konnten nur ahnen, was die Kritzeleien an ihren Häusern und Türen bedeuteten. Tavoran aber kannte sie umso besser, denn er hatte sie jahrelang selbst angebracht. Sie gehörten zur Sprache der Krähen, die sich auf diese Art mitteilten, wer wann bereits gezahlt hatte, wer im Rückstand war oder wer sich weigerte, den Krähen ihren Anteil abzugeben.

Die Zeichen an Halans Ladentür verhießen nichts Gutes. Er war ein cholerischer, jähzorniger Mann, der seinen Sohn Sinar regelmäßig mit Prügel aus dem Laden jagte, aber er verstand sein Handwerk. Und er war nicht dumm. Dass er sich geweigert hatte seinen Anteil abzugeben, denn das besagten die Zeichen, erstaunte Tavoran. Er wusste, dass sein Geschäft gut lief und dass Halan bestimmt keine Geldsorgen hatte.

Aber das ging Tavoran nun nichts mehr an, und er verspürte auch keinen Drang, sich einzumischen. Es war hinlänglich bekannt, dass er den Krähen angehörte, oder zumindest mit ihnen in Verbindung stand, und deswegen liessen ihn seine Nachbarn in Ruhe. Dass er sich von Verran losgesagt hatte, wusste wahrscheinlich keiner, und Tavoran sah keinen Grund, dies zu ändern.

Bevor er die Gasse verließ und den dunklen Innenhof des zweigeschossigen Wohnhauses betrat, warf er einen Blick zurück. Der Fremde war nirgends zu sehen und auch sonst war die Gasse verlassen. Mit einem raschen Schritt durchquerte er den Türbogen, wandte sich nach rechts und ging zügig unter dem Säulengang hindurch, der den Innenhof umschloss. Sein Zimmer lag im Erdgeschoss, gleich neben Halans Laden. Die kleinen quadratischen Fenster darüber waren erhellt, und Tavoran konnte hören, wie sich Halan einmal mehr mit seiner Frau stritt. Er fragte sich, wo sich Sinar heute wohl die Nacht um die Ohren schlug, um dem Zorn des Vaters zu entgehen.

Tavoran erreichte die Tür seiner Behausung und atmete erleichtert auf. Sein Rausch war zwar ein wenig abgeklungen, aber die Kopfschmerzen waren noch nicht zurückgegangen und erweckten auch nicht den Anschein, dass sie so schnell verschwinden würden. Er lehnte sich mit der Stirn an die beschlagene Tür und atmete den Geruch von Holz und Metall ein, als er umständlich nach dem Schlüssel in seinem Beutel kramte. Er entriegelte das Schloss und öffnete die Tür, die mit einem leisen Knarren aufschwang.

Fast gleichzeitig erklang von drinnen ein Poltern, dann hörte er, wie etwas über eine Oberfläche rollte und einen Augenblick später mit einem Klirren auf dem Boden zersprang.

Auf einen Schlag war er hellwach und seine Nerven waren bis zum Äußersten gespannt. Mit klopfendem Herzen presste er sich draußen neben die Tür und lauschte, doch wegen des Geschreis von Halan und seiner Frau konnte er keine verdächtigen Geräusche aus dem Inneren seiner Behausung vernehmen. Er wartete drei Atemzüge ab, aber niemand stürmte aus seiner Tür und stürzte sich auf ihn.

Er lehnte sich zur Seite und warf einen Blick durch die Tür. Drinnen war es stockdunkel, und nur zu gerne hätte er jetzt Gebrauch des Sternenpulvers gemacht, das ihm die Sicht in der Nacht verbesserte. Nur hatte er leider nichts dergleichen dabei.

Doch der kleine Vorhang vor dem Fenster zur Gasse bauschte sich leicht im Durchzug und das hereinfallende Licht der Laterne durchschnitt für einen Moment die Dunkelheit. Vor dem kleinen Tisch, der unter dem Fenster stand, entdeckte er Scherben auf dem festgestampften Erdboden und dazwischen lag der Inhalt seines ehemaligen Vorratstopfes: zwei Leinenbeutel mit Brot und getrocknetem Fleisch und ein paar Datteln.

Mit einem schnellen Schritt trat Tavoran in seine Kammer und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Die Luft war stickig und roch ein wenig abgestanden, aber er konnte den charakteristischen Geruch nach verbranntem Harz nicht ausmachen. Langsam blickte er sich um und ließ den Blick über die dunklen Schatten des Gestells, des Tisches und der Truhe schweifen, dabei verließ er sich mehr auf sein Gehör und sein Gefühl als auf seine Augen. Doch wenn der Eindringling nicht das Trickschloss geknackt und sich in seiner Truhe versteckt hatte, befand sich niemand hier, denn der Raum bot keinerlei Möglichkeiten, sich zu verstecken.

Außer …

Er warf einen Blick nach links, wo ein schwerer, mit verschnörkelten Mustern bestickter Vorhang sein Bett vom Rest des Zimmers abschirmte. Er machte einen Schritt darauf zu und riss den Stoff entschlossen zur Seite. Vor ihm lag das Bett. Darin räkelte sich aber weder eine schöne Fremde, noch stürzte sich jemand mit einem Messer auf ihn. Seine Kammer war leer. 

In Gedanken schalt er sich einen Narren. Wahrscheinlich war es einer der Graufüchse gewesen, die sich manchmal auf der Suche nach Nahrung in die Stadt verirrten.

Er spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel. Seine Hände zitterten leicht, als er den Raum durchquerte und im Dunkeln nach der tönernen Öllampe im Regal tastete, den Docht auf die richtige Länge prüfte und sie schließlich entzündete. Er stellte die Lampe auf den Tisch und begann, die verstreuten Esswaren aufzusammeln. Mit Bedauern hob er die Scherben des Vorratstopfes auf und warf sie durchs Fenster auf die Gasse hinaus. Er würde morgen bei Halan wohl einen neuen Topf kaufen müssen.

Ächzend zog einen Hocker heran, ließ sich schwerfällig darauf fallen und verbarg für einen Moment sein Gesicht in den Händen. Sein Kopf fühlte sich an, als wären Dinge darin, die dort nicht reingehörten. Und noch immer spürte er die Rückstände der Magie in seinem Körper, das feine, aber nervtötende Ziehen in den Muskeln und das Stechen in den Gelenken. Wenn er Kerys das nächste Mal sah, würde er ihr ganz genau sagen, was er von ihrer magischen Heilung hielt. 

Er stemmte sich umständlich vom Tisch hoch und ging zur Truhe hinüber. Sie war ein Meisterwerk der amyrischen Handwerkskunst, verziert mit feingeschmiedeten bronzenen Beschlägen, die im Licht der Öllampe glänzten, mit Intarsien und Schnitzereien. Die Truhe hatte er sich damals vom Sold seines ersten Auftrags im Syndikat herstellen lassen und sie hatte ihn ein Vermögen gekostet. Hauptsächlich wegen der doppelten Wände und Böden und des aufwändigen Trickschlosses, welches er nachträglich hatte einbauen lassen.

Obwohl ihm die Gelenke der Finger schmerzten, als wäre er ein alter Mann, öffnete er das Schloss mit Leichtigkeit. Schon einige Male hatte er sich darüber amüsiert, wie seine Freunde versucht hatten, das Schloss zu knacken. Die Arbeit des Schlossers war die vielen Münzen wert gewesen.

Er wuchtete den schweren Deckel hoch und griff mit einer Hand hinein. Er brauchte kein Licht, um zu finden, was er suchte, und keine zweite Hand, um das kleine bronzene Kästchen aus der Truhe zu holen.

Er ließ den Deckel der Truhe zufallen und lauschte zufrieden dem Geräusch des zuschnappenden Schlosses, bevor er zum Tisch zurückging und die Schatulle neben der Öllampe platzierte. Mit einer fast andächtigen Bewegung schob er den Deckel zur Seite. Zum Vorschein kamen sechs Kammern, in denen sich verschiedene Säckchen mit Kräutern, Blüten und Samen befanden. Der schwere Duft vom Blauen Mondkraut breitete sich aus und verstärkte sich, als er mit spitzen Fingern das kleine Säckchen aus der Schatulle nahm und behutsam auf den Tisch legte.

Er griff nach der Holzpfeife und der tönernen Flasche mit Kräuterschnaps und angelte einen Becher vom Regal. Darauf hatte er sich schon den ganzen Abend gefreut. Mit lautem Poltern stellte er alles auf den Tisch, goss sich einen großen Schluck Schnaps in den Becher und stürzte ihn mit einem Zug hinunter. Es brannte in der Kehle und einen Augenblick später breitete sich die erwartete Wärme in seinem Magen aus. Er spürte, wie seine Glieder schwer wurden, und lächelte zufrieden. Noch ein oder zwei Gläschen, und er würde nach der Pfeife schlafen wie ein Toter.

Voller Vorfreude öffnete den Beutel, doch schon bald machte sich Enttäuschung breit, als er das Leder flach auf dem Tisch ausgebreitete und das kleine Häufchen des Blauen Mondkrauts betrachtete. Das würde ganz bestimmt nicht ausreichen, um alle Schmerzen zu betäuben. Missmutig ließ er den Blick über die anderen Kammern der Schatulle gleiten und musterte den Inhalt. Nacheinander öffnete er die weiteren Beutel und kam zum Schluss, dass von all den Rauschmitteln keines mehr wirklich ausreichte, um einen anständigen Dämmerzustand zu erreichen. Dennoch unterließ er es, die Kräuter und Blüten zu mischen. Das hatte er vor lauter Verzweiflung schon einmal getan und es bitter bereut.

Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als am nächsten Tag Nachschub zu besorgen. Wieder einmal. Dabei hatte er doch erst vor einer Woche Orres den halben Vorrat am Blauen Mondkraut abgekauft. Es ärgerte ihn, dass Kerys Recht hatte: Scheinbar hatte er sein Leben nicht im Griff.

Er zuckte gleichgültig mit den Schultern und begann die Reste des Blauen Mondkrauts zu zerdrücken und in die Pfeife zu stopfen, und obwohl es kaum für eine anständige Pfeife reichte, ließ er sich dieses Ritual auch an diesem Abend nicht nehmen. Die ersten Züge waren ohnehin die besten.

Das Kraut entfaltete langsam seine Wirkung. Der dunkelblaue Rauch, der aus der Pfeife aufstieg und das kleine Zimmer fast einnebelte, hing schwer in der Luft. Tavoran unterließ es, frische Luft ins Zimmer zu lassen. Er wollte nichts davon verschwenden.

Angenehme Trägheit breitete sich in ihm aus, die sich noch verstärkte, als er den zweiten Becher Schnaps hinunter kippte. Schwankend erhob er sich. Mit der Pfeife im Mundwinkel begann er sich auszuziehen und betrachtete einen Moment nachdenklich sein blutbesudeltes, zerrissenes Hemd. Mit dem Finger fuhr er langsam die ausgefranste Kante entlang, die der Dolch in den Stoff geschnitten hatte. Auch wenn er Streitigkeiten und den Schmerz suchte, damit er ihn anschließend betäuben konnte: Sterben wollte er nicht. Er hatte heute Abend grosses Glück gehabt. Auch wenn er es nur ungern zugab, Kerys hatte ihm mit ihrer Magie das Leben gerettet. Vielleicht sollte er sich doch bei ihr bei Gelegenheit bedanken. Nachdem er ihr seine Meinung gesagt hatte.

Er warf das Hemd mit einer resignierten Bewegung auf den Hocker und nahm einen tiefen Zug aus der Pfeife. Zum Glück besaß er ein zweites, aber dennoch würde er morgen auch noch bei den Näherinnen vorbeischauen müssen.

Sein Blick wanderte zur Narbe auf seiner Brust und weiter zu den rot-blauen Flecken darum herum, die morgen im schönsten Dunkelblau erscheinen würden. Er erinnerte sich daran, dass Kerys eine Stelle über der linken Augenbraue behandelt hatte, und griff nach dem polierten Bronzespiegel im Regal, um sich die Wunde genauer anzusehen.

Das Auge schien glücklicherweise nichts abbekommen zu haben, wahrscheinlich hatte er sich die Verletzung beim Aufprall auf den Boden zugezogen. Seine Augenbraue allerdings war geschwollen, Kerys hatte aber die Blutung gestillt. Er sah mitgenommen aus. Seine fingerlangen dunklen Haare standen in alle Richtungen ab, und er fand, dass er sich wieder einmal eine Rasur gönnen sollte. Der dunkle, grau melierte Mehrtagesbart machte ihn älter, als er war.

Mit einem Schnauben legte er den Spiegel zurück ins Regal, nahm einen letzten Zug aus der Pfeife und legte sie aufs bronzene Kästchen, um sie auskühlen zu lassen.

Dann warf er sich mit einem Seufzer aufs Bett. Auch wenn das Blaue Mondkraut nicht für einen Vollrausch gereicht hatte, so fühlte er sich trotzdem überraschend leicht. Die Schmerzen waren auf ein erträgliches Mass zurückgegangen und seine Gedanken flossen träge dahin wie flüssiger Honig. Er würde morgen einige Besorgungen machen müssen. Während er versuchte, sich daran zu erinnern, was er nun alles erledigen wollte, fielen ihm die Augen zu und er dämmerte weg.

Sein letzter Gedanke war, dass er wohl vergessen hatte die Öllampe auszumachen.


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