Kapitel 4:
In der Nacht sind alle Gassen dunkel

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Tavoran hatte den Hinterausgang genommen und Rothans Taverne schnellstmöglich verlassen. Er wollte Mevena nicht begegnen und falls es weitere Krähen im Schankraum gab, ihnen nicht weitere Gründe liefern, gegen ihn oder Mevena oder gar Kerys vorzugehen. Obwohl er sich raue Abende gewohnt war, für heute hatte er genug. Außerdem hielt sich sein Rausch hartnäckig und die Gassen vor ihm zeigten sich mehrheitlich unscharf und kippten mal nach links und mal nach rechts, als er sich auf den Weg machte.

Anhand der Wärme, die noch immer in den Gassen steckte, schloss er, dass es kurz nach Mitternacht war. Auch gut. So würde er sich wenigstens einigermaßen erholen können. Der Alkohol und die Reste der Magie brannten noch immer in seinem Körper, jedes Gelenk schmerzte und vor allem die Narbe auf seiner Brust pochte in einem dumpfen, dunkelroten Schmerz, der in Wellen durch seinen Körper wallte und mit jedem Schritt in seinem Kopf explodierte. Was er brauchte, waren sein Bett und ein paar Stunden guten Schlafs. Und vielleicht noch einen Schnaps zum Einschlafen. Oder auch zwei.

Aber er fühlte sich zu aufgewühlt, um direkt nachhause zu gehen und sich hinzulegen, ein bisschen frische Luft konnte nicht schaden und mochte vielleicht ein wenig die Kopfschmerzen lindern. So schlug er den Weg zum Hafen ein und stapfte an blau-weiß getünchten Häusern vorbei, deren Farbe böse Geister und die Hitze des Tages fernhalten sollte. Zumindest was die Wärme betraf, war Tavoran überzeugt, dass es nicht funktionierte. Immerhin halfen die zwischen den Häusern gespannten Tücher ein wenig und spendeten tagsüber Schatten, so dass die Hitze in den Gassen nicht ganz so schlimm war wie auf den Plätzen. Die Seher hatten in den Eingeweiden der Tauben einen heißen und trockenen Sommer gelesen, und dieses Mal schienen sie Recht zu behalten.

Aber die Seher hatten auch von einem gefährlichen Gott geredet, der die Stadt heimsuchen würde, dies hatten sie im Blut und den Eingeweiden einer Ziege gelesen. Tavoran gab nicht viel auf diese Prophezeiungen, die seiner Meinung nach umso unheilvoller wurden, je größer das geopferte Tier und die daraus entstandene Schweinerei war.

Aber vielleicht war es gar nicht schlecht, wenn ein Gott sich nach Catun verirrte. Das würde dieses Loch endlich ein wenig aufmischen, diesen Pfuhl, den Tavoran ebenso liebte, wie er ihn hasste. Und seit Lyndia tot war, ein bisschen mehr verabscheute. Die Stadt mit ihrem charakteristischen Geruch nach Tieren, Schweiß, Rauch, Essen, Urin und Blut, der durch die Gassen voller Gesindel, Bettlern und Tagelöhnern zog und auch vor den polierten Kupfertoren des Herrscherviertels und der Stadtfestung nicht halt machte.

Im Augenblick aber waren Tavoran die Prophezeiungen der Seher herzlich egal. Er war wütend auf Kerys und zugleich auf sich selbst wegen seiner Reaktion auf ihre Heilung und ihren Zustand, wusste er doch, dass sie nur das Beste für ihn wollte. Gleichzeitig war er aber auch besorgt um sie. Er konnte nicht verstehen, warum sie sich mit dem Ur-Geist verbunden hatte und als unerfahrene Magierin ausgerechnet nach Catun reiste.

Verran und die Zwillingsherrscher kontrollierten den Bernsteinhandel, und es war schwieriger denn je, an das magische Material zu kommen, vor allem, seit vor etwa einem dreiviertel Jahr die nahegelegene Bernsteinquelle versiegt und der Preis dafür in die Höhe geschossen war. In Catun war es nun beinahe unmöglich, an Bernstein zu kommen, wenn man nicht entweder den Krähen oder den Stadtmagiern angehörte. Er hoffte, dass Kerys genügend magische Energie für die Verbindung mit dem Lesh’Rakha und ihre Zauberkünste dabei hatte – und diese auch gut verborgen hielt. Immerhin lagerten sie außerhalb der Stadt, so hatten die Wachen ihnen wahrscheinlich nichts abgenommen, aber geübte Magier konnten die feine magische Ausdünstung des Bernsteins fühlen. In Anbetracht dessen kam ihm ihre Ausrede, nicht mehr tanzen zu wollen und deshalb Magierin geworden zu sein, fadenscheinig vor. Er hatte sie als überlegt genug eingeschätzt, dass sie wusste, welche Gefahren als neue Magierin in Catun lauerten. Er hoffte, dass Kerys wusste, was sie tat und nahm sich vor, sie zu einem späteren Zeitpunkt nochmals damit zu konfrontieren und herauszufinden, was wirklich dahintersteckte. Aber er würde erst ein bisschen Gras über die Sache wachsen lassen. Im Moment war es wohl besser, wenn sie beide sich die nächsten paar Tage aus dem Weg gingen.

Wer es allerdings auf eine Konfrontation auszulegen schien, war die Person, die ihm folgte. Tavoran bemerkte sie, als er einen kleinen Platz überquerte, wo die alte Arela unter der schummrigen Laterne neben dem Brunnen hockte und um Almosen bettelte. Als Tavoran innehielt, um leicht schwankend nach seinem Geldbeutel zu greifen, sah er aus dem Augenwinkel, wie sich die Gestalt rasch in die Dunkelheit jener Gasse zurückzog, aus der er soeben gekommen war. Hatte Jarvis etwa schon Wind davon bekommen, dass er doch nicht verblutet war?

»Danke, Tavoran. Großzügig wie immer«, murmelte Arela mit zittriger Stimme, als er ihr eine Münze in die runzlige Hand drückte. Sie musterte ihn mit einem zusammengekniffenen Auge. »Pass auf dich auf«, ergänzte sie, als ihr Blick an seinem zerrissenen und blutbefleckten Hemd hängen blieb. »Und sauf nicht so viel, das macht dich alt.«

Tavoran knurrte etwas Unverständliches und warf einen Blick zurück zur Gasse, konnte jedoch niemanden entdecken. Zielstrebig überquerte er den Platz und tauchte in die gegenüberliegende Gasse ein. Er brauchte Gewissheit, ob er wirklich verfolgt wurde und ob es Jarvis war, der sein Werk vollenden wollte. Ohne offensichtliches Ziel bog Tavoran willkürlich nacheinander entweder links oder rechts in größere und kleinere Gassen ein und verlor für einen Moment die Orientierung. Aber wer auch immer ihn verfolgte ließ sich nicht abschütteln, holte ihn allerdings auch nicht ein.

Sein Weg führte ihn zum Marktplatz, der zu dieser Stunde verlassen war. In der in der Mitte des Platzes hatten die Stadtwachen vor ein paar Tagen eine Holztribüne aufgebaut, die von zwei Wachmännern flankiert und von mehreren rußenden Fackeln erhellt wurde. Darauf sassen oder lagen eine Handvoll angeketteter Gefangener, die wohl die nächsten paar Tage vor sich hinvegetieren würden. Wer überlebte, würde in den Blutturm zurückgesteckt, um dann endgültig für seine Verbrechen bestraft zu werden.

Tavoran verbarg sich am Ende der Gasse hinter einem besonders buschigen Exemplar eines Hibiskus, dessen Geruch ihn beinahe übermannte und an dessen Geäst er sich aber dankbar festhielt, um nicht nach hinten zu kippen. Jetzt, wo er innehielt und in die Dunkelheit der Gasse starrte, drehte sich die Welt um ihn umso mehr. Fast hätte er die Schritte überhört, die sich hastig, aber dennoch auf eine vorsichtige Art näherten. Tavorans Puls beschleunigte sich und die feinen Härchen in seinem Nacken stellten sich auf. Sein Rausch war auf einmal wie weggeblasen und er empfand sich fast schon als nüchtern, als sein Verfolger an ihm vorüber ging. Er erkannte mit einem Anflug von Erleichterung, dass es nicht Jarvis war. Er wollte aber nicht wieder den Fehler machen, und seinen Verfolger unterschätzen. Einen kurzen Moment musterte er den Mann und entschied, dass dieser keine Waffe in den Händen trug.

Tavoran schnellte vor, packte den einen Arm des Fremden und drehte ihn auf den Rücken. Bevor der andere vor Überraschung schreien konnte, presste ihm Tavoran die Hand auf den Mund und riss ihn mit einem harten Ruck in die Dunkelheit der Gasse zurück. Unbarmherzig zwang er den Fremden mit Brust und Wange an die Wand. 

Sein Gesicht ganz nahe an seinem zischte er: »Wer bist du? Warum verfolgst du mich?«

Erst jetzt bemerkte er den leichten Geruch nach Schweiß und verbranntem Harz, der in der Kleidung des Fremden haftete. Und dass die Kleidung nicht so richtig zu ihm passen wollte. Zwar trug er ähnliche Kleidung wie Tavoran, leichtes Schuhwerk, helle, weite Hosen aus Leinen und ein Hemd, das in einem handbreiten Ledergürtel steckte. Doch seine dunkle Hautfarbe verriet, dass er weder aus Catun noch aus Amyrien stammte. Tavoran vermutete Khaleh, wenn nicht sogar Ular, das noch weiter im Süden lag. Er fragte sich, ob der Fremde überhaupt verstand, was er zu ihm sagte.

Sein Blick fiel auf den Arm, den er noch immer auf den Rücken gepresst hielt. Um das Handgelenk zogen sich mehrere Narben, und als Tavoran in die weit aufgerissenen Augen sah, bemerkte er ein leichtes, bernsteinfarbenes Glühen.

Der nüchterne Teil seiner Sinne schrie danach, den Magier sofort loszulassen und zu verschwinden. Sich mit einem Magier anzulegen war keine gute Idee und nach diesem Abend sowieso nicht. Doch Tavoran spürte, wie der Fremde unter seinem Griff zitterte. Der Geruch nach verbranntem Harz verstärkte sich nicht, und der Fremde machte auch keine Anstalten, sich zu anderweitig wehren. Hätte er ihm etwas zu Leide tun wollen, so wäre es für einen Magier wie ihn ein Leichtes gewesen, dies früher und mit weniger Aufwand zu erledigen. Der Fremde war nicht hier, um ihm etwas anzutun.

Tavoran nahm die Hand vom Mund, wischte den Speichel am Hemd des Fremden ab und hielt sich jederzeit bereit, ihn zum Schweigen zu bringen, sollte er um Hilfe rufen wollen.

»Na los! Wer bist du und was willst du?«, wiederholte Tavoran.

Der Fremde schluckte hart, seine Lippen zitterten und das Weiss seiner Augen leuchtete in der Dunkelheit mit der bernsteinfarbenen Iris um die Wette.

»Ich … ich habe einen … Auftrag für dich.«

Überrascht ließ Tavoran den Mann los, der sogleich ein Stück in sich zusammensackte, und machte einen Schritt zurück. Er hatte Recht gehabt: Der Mann, der nach den passenden Worten suchte, war eindeutig aus Ular. Aber er versuchte, den Akzent zu verbergen, was ihm einigermaßen gut gelang. Der Rausch kam mit einer Woge zurück und spülte Tavorans Erregung fort, der Fremde vor ihm verschwamm zu einem Doppel. Ächzend drehten sich die beiden Fremden um und lehnten sich die Schulter reibend an die Wand.

»Hast du verstanden, was ich gesagt habe?«

»Ja, habe ich«, antwortete Tavoran langsam.

»Und?«, fragten die beiden, als Tavoran nicht weitersprach. 

Mit einiger Mühe konnte er die beiden wieder zu einer Person vereinen. »Ich mache keine Geschäfte mit Magiern.«

»Aber … ich bezahle gut!« Die Stimme des Mannes klang eindeutig verzweifelt.

»Das ist mir scheißegal. Ich will deine Münzen nicht«, antwortete Tavoran. Ein Magier hatte ihm gerade noch gefehlt. Zwei waren ihm eindeutig zwei zuviel für eine Nacht. Wie auf einen Befehl hin begann die Wunde auf seiner Brust wieder zu pochen und erinnerte ihn daran, was er ursprünglich einmal wollte: Heim, Schnaps und ganz viel Schlaf.

»Aber …«

»Verschwinde und lass mich in Ruhe«, unterbrach ihn Tavoran barsch.

»Willst du gar nicht wissen, was das für ein Auftrag ist?«

»Nein. Nicht jetzt, nicht von dir und nicht in diesem Zustand. Das weiß ich morgen eh nicht mehr.«

»Ich kann dich ausnüchtern … oder heilen«, schlug der Mann vor.

»Wag es ja nicht, mich anzufassen!« Tavoran packte den Mann am Kragen und stieß ihn gegen die Wand. »Dieser Zustand hier hat mich eine Menge Münzen und Nerven gekostet! Ich bring dich um, wenn du mir mit deiner Magie zu nahe kommst!« Er war laut geworden. Der Mann zuckte zusammen und spähte zu den Wachen auf dem Platz hinüber, die aber keine Anstalten machten, herzukommen. Tavoran folgte mühsam seinem Blick und der kleine, nüchterne Teil riet ihm einmal mehr, so schnell wie möglich zu verschwinden. Ärger mit den Wachen hätte gerade noch gefehlt.

»Lass mich in Ruhe«, wiederholte Tavoran leiser und ließ den Fremden los. »Ich will nichts mit dir zu tun haben.«

»Dann reden wir morgen weiter«, schlug der Mann vor. In seiner Stimme schwang Hoffnung mit.

»Verschwinde einfach.«

Er ließ den Mann stehen und schlug den direkten Weg nachhause ein. Wenn der Kerl schon wusste, wer er war – und das tat er, sonst würde er ihn nicht mitten in der Nacht verfolgen, um ihm einen Auftrag anzudrehen – dann hatte er auch in Erfahrung gebracht, wo er wohnte. Also konnte er sich die Umwege sparen. Sollte dieser Fremde allerdings vor seiner Tür auftauchen, so würde er ihm zeigen, warum er einst der beste Mörder von Catun gewesen war.


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