the dark sphere

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Von Göttern und Motten

Sommeranfang des Jahres 194 des magischen Zeitalters; in einem Dorf fünf Tagesritte südlich von Catun


Alduran Karas war verloren.

Keuchend und mit rasendem Herzen presste er sich an die noch warme, grob verputzte Hauswand und versuchte die Ohnmacht zu verdrängen, die ihn zu überkommen drohte. Er kniff die Augen zusammen und zwang seinen Atem zur Ruhe.

Dann warf er vorsichtig einen Blick um die Ecke in Richtung des Dorfplatzes. Den Seelensammler, vor dem er geflohen war, konnte er nicht entdecken. Dafür machte er im Schein des flackernden Feuers, das auf der gegenüberliegenden Seite in der Schmiede ausgebrochen war und bereits auf das angrenzende Haus übergegriffen hatte, dunkle Körper aus, die verstreut auf dem Boden lagen. Ihre Schreie waren mehrheitlich verebbt, was ein schlechtes Zeichen war. Er hatte versagt.

Er schluckte den bitteren Speichel hinunter, der sich unter seiner Zunge gebildet hatte, und fragte sich, ob er daran irgendwas hätte ändern können. Ob er etwas hätte tun können, bevor der Gott im Dorf aufgetaucht war und alle Seelen der Bewohner und deren Vieh verzehrt hatte, welche die Flucht nicht geschafft hatten oder schlicht zu störrisch gewesen waren, um auf die Warnungen zu hören.

Als sich die Nachricht einem Buschfeuer gleich im Dorf verbreitet hatte, dass der Gott der Seelen in der Umgebung gesichtet worden war, hatten die meisten Bewohner hastig ihre Habseligkeiten gepackt, das Vieh zusammengetrieben und die Alten und die Kinder auf Karren geladen. Aber nicht alle hatten das Dorf verlassen. Vor allem der Schmied hatte die Berichte des Köhlers über Funde von seelenlosen Körpern von Tieren und Bauern als Geschwätz eines betrunkenen Nichtsnutzes abgetan, und ihm gleich waren einige Bewohner geblieben. Das war vor ein paar Tagen gewesen. Und heute Abend, kurz vor der Dämmerung, hatten sie ihre Entscheidung bereut.

In Aldurans Gedanken stiegen Bilder auf. Von seltsam verdrehten Körpern, die zwischen den Häusern lagen, mit aufgerissenen Augen und mit Mündern, aus denen der Speichel tropfte. Von Vieh, das angeleint im Stall zu Boden gesackt war, der Körper schwer im schmutzigen Stroh, den Strick um den gespannten Hals, mit eingerissener Haut, aus der Blut in einem dünnen Rinnsal zu Boden sickerte. Die Augen vor Panik aufgerissen und glasig. Mit schlagendem Herzen lagen sie alle da, weder tot noch lebendig, weil die Seele fehlte, die den Körper zu einem Tier oder Menschen machte.

Alduran wäre am liebsten mit allen anderen geflohen, als er die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Aber er war geblieben, denn auf ihm hatte die ganze Hoffnung und Erwartung gelastet: auf dem einzigen Magier im Dorf. Er hätte gegen den Morash’Sul etwas ausrichten, ihn mit seiner Magie und seinen Zaubern vertreiben und die Bewohner schützen müssen. Aber Alduran war kein Kampfmagier, er war ein einfacher Heiler. Er hatte sein kurzes Magierdasein mit der Behandlung von Wunden, der Versorgung von Kranken und Herstellung magischer Tränke und Tinkturen verbracht. Er wusste nicht, wie man einem Gott gegenübertrat.

Tränen stiegen ihm in die Augen. Er lehnte sich zurück an die Wand und wusste nicht, was er tun sollte. Er könnte noch fliehen, aber ohne ein Reittier hatte er keine Chance, dem Seelensammler zu entkommen. Schon gar nicht als Magier, von dessen magischer Energie der Gott angezogen wurde wie eine Motte vom Licht. Alduran konnte hoffen, dass der Morash’Sul von alleine abzog, aber er wusste, wie verzweifelt dieser Gedanke war. Der Gott würde nicht weiterziehen. Nicht, solange noch eine magische Quelle in der Nähe war, die er verzehren konnte. Nicht, solange Alduran noch lebte. 

Sein Blick trübte sich und er spürte, wie etwas in seinem Inneren nach seinem Verstand tastete. Panik schoss wie eine heiße Welle durch seine Adern und ihm knickten die Beine ein. Mit einem Keuchen fiel er vornüber auf die Knie. Er verfluchte den Tag, an dem er sich mit dem Ur-Geist verbunden hatte und Magier geworden war. Die Verbindung mit dem Lesh’Rakha hatte einen Preis, der ihm erst jetzt so richtig bewusst wurde. Der Ur-Geist verlieh ihm zwar Magie, verlangte im Gegenzug dafür eine Menge magischer Energie. Energie, die Alduran nach heute Abend nicht mehr hatte, und deshalb griff der Geist in ihm nach seinem Verstand.

Mit größter Willensanstrengung versuchte er, ihn zurückzudrängen. Der Boden begann sich vor ihm zu drehen und bittere Galle stieg in ihm auf. Er war froh, dass er sich bereits auf allen vieren befand, als er sich würgend übergab.

Er richtete sich auf und wischte mit sich einer zitternden Bewegung den Speichel vom Kinn, ehe er in der Umhängetasche herumkramte und einen Lederbeutel zu Tage förderte, der fest zugeknotet war. Seine Finger gehorchten ihm nicht richtig und er brauchte viel zu lange, um den Knoten zu lösen. Kalter Schweiß rann ihm in die Augen und den Nacken hinab, und er wischte sich die Tropfen unwirsch aus dem Gesicht. Dann schüttelte er den Inhalt des Beutels in seine feuchte Hand. Es war nicht mehr viel, nur noch ein Häufchen des magischen Pulvers, das leicht bernsteinfarben leuchtete. Alduran traten erneut die Tränen in die Augen. Das würde niemals reichen.

Er sammelte alle Spucke, die er noch aufbringen konnte und leckte das Pulver vorsichtig auf. Er schmeckte leicht harzig und süß. Einen Augenblick später spürte er, wie es sich auflöste und die magische Energie in seinen Körper überging. Er zwang seine aufgeschäumten Gedanken zur Ruhe, glättete sie, bis sie vor ihm dalagen wie ein schwarzer See, und drängte den Geist zurück in die Tiefen seines Unterbewusstseins. Er konnte fühlen, wie der Geist sich wehrte, wie er unter der Oberfläche seine Kreise zog und lauerte, wie ein Jäger auf seine Beute. Bereit, bei der nächsten Unachtsamkeit und Schwäche zuzuschlagen. Die magische Energie hatte Alduran zwar noch ein wenig Zeit verschafft und den Geist befriedigt, aber er war ein geduldiger Jäger.

Alduran schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch, dann stand er auf. Zeit, sich seinem Schicksal zu stellen. 

Er rannte los.


Das Dorf war verstummt. Es hallten keine Schreie und keine Rufe mehr durch die Nacht, Alduran konnte nur noch das Lodern der Flammen und das Krachen der einstürzenden Balken vernehmen. 

Er wollte das Dorf auf der Straße nach Norden hin verlassen und hoffte, dass der Seelensammler ihm folgte, doch er hatte den Gott nicht mehr gesehen. War er vielleicht von alleine fortgegangen, jetzt, da es keine Seele mehr im Dorf gab, die er hätte verzehren können?

Alduran hielt am Rande des Dorfplatzes inne und sah sich um. Er konnte die Hitze des Feuers auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes fühlen, die Flammen hatten sich weiter ausgebreitet und weitere Häuser erfasst. Das Dorf würde wohl nicht zu retten sein. Die Flammen hatten ein paar der Körper erreicht, die vor den brennenden Häusern lagen. In der Luft lag der Geruch von verbranntem Fleisch und Holz, dichter Rauch stieg von den Leichen auf. Mit Entsetzen erkannte Alduran im flackernden Schein des Feuers den Schmied, der sich langsam bäuchlings über den festgestampften Boden des Platzes schob, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt, das verbrannte Fleisch hing in Fetzen von Kopf und Armen. Das Feuer auf seinem Schädel glich einer grotesken Haarpracht, tot und lebendig zugleich.

Er riss den Blick vom Schmied los und fixierte den Durchgang zwischen den Häusern auf der anderen Seite des Platzes. Erreichte er die Straße nach Norden, hatte er vielleicht Glück und könnte dem Albtraum entkommen. Er verspürte einen kleinen Anflug von Hoffnung und sein Herz machte einen kleinen Sprung.

Doch dann tauchten die Motten auf.

Zuerst war es nur eine, die auf ihn zuflatterte und ihn umrundete. Ein kleines, zartes Wesen, das bei Tageslicht dunkelblau schillerte und in der Nacht vor Magie schwach leuchtete. Dann erschienen eine zweite und eine dritte Motte, die Alduran umkreisten und sich immer wieder kurz auf seiner Robe niederließen. Er spürte, wie sie nach seiner magischen Energie gierten, sich dann aber schnell wieder von ihm erhoben, weil er ihnen nicht geben konnte, was sie suchten.

Und dann roch er es. Die verbrauchte Magie, die ihn entfernt an verbrannten Bernstein erinnerte, aber auch an etwas anderes, Mächtiges und Fremdes. Und da wusste Alduran, dass er sich getäuscht hatte. Der Seelensammler hatte das Dorf nicht verlassen. Es gab noch eine Seele, die ihm fehlte. 

Die Motten hatten sich allesamt erhoben und waren an Alduran vorbeigeflattert. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass der Morash’Sul hinter ihm stand. Er konnte es riechen, und wie die Motten spürte nun auch er die magische Energie, die der Gott verströmte.

Langsam drehte er sich um. Der Geist in seinem Inneren bäumte sich auf und wollte Alduran zur Flucht bewegen. Doch er stand nur da, unfähig, sich zu bewegen und den Blick vom Seelensammler zu lösen.

Der Gott stand einige Meter von ihm entfernt zwischen zwei Häusern und das Feuer warf seinen verzerrten Schatten an die Wände und auf den Weg hinter ihm. Unzählige schwach leuchtende Punkte umtanzten den etwa zwei Mann großen Gott. Der Körper, der jegliches Licht absorbierte und darum vollkommen schwarz wirkte, glich nur noch entfernt der Gestalt des Magiers, aus der er einst entstanden war. Die Magie hatte über die Jahrhunderte, die der Gott nun schon existieren musste, seinen Körper deformiert. Seltsame sich ständig verformende Auswüchse überwucherten Kopf und Torso, der im einen Augenblick fest und im nächsten wieder durchscheinend wirkte. Der Kopf besaß unzählige fahl leuchtende Augen, die Alduran trotz ihres leeren Blickes fixierten. Irgendwas hing in Fetzen von Armen und Körper, das Alduran auf den ersten Blick an Stoff erinnerte. Aber er wusste, dass Götter keine Kleidung trugen.

Der Morash’Sul setzte sich in Bewegung, beinahe gemächlich näherte er sich Alduran. Sie wussten beide, dass es für ihn kein Entkommen gab. Sich jetzt noch zu verstecken, machte keinen Sinn: Denn der Magier leuchtete für den Gott wie eine Fackel in der Nacht. Der Seelensammler war ihm in jeglicher Hinsicht überlegen, eine Flucht würde das Unvermeidbare nur unnötig hinauszögern.

Alduran war beinahe traurig. Früher hatte er sich ausgemalt, wie er einmal sterben würde. Im Kreise seiner Kinder und Enkel, auf einer weichen, strohgefüllten Matratze. Den würzigen Duft des blauen Mondkrauts in der Nase, welches der Seele den Weg zurück zum Ur-Geist ebnen soll. Er würde ihnen sagen, dass sie nicht traurig sein müssten, denn er hätte ein schönes Leben gehabt, aber nun sei es Zeit, zurückzukehren. Er würde seiner jüngsten Enkelin die Tränen von den Wangen wischen, seine Augen schließen und dann würde es vorbei sein.

Aber nun stand er da, der Gott nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt, und wusste nicht, was ihn erwartete. Würde seine Seele dennoch den Weg zum Ur-Geist zurückfinden, oder würde sie auf ewig verloren sein? Was würde mit seinem Körper geschehen? Würden sich die Füchse und Wildhunde Fetzen aus seinem seelenlosen Körper reißen und die Krähen seine Augen aufpicken, bis das letzte Leben aus ihm gewichen war?

Der Seelensammler stand nun knapp eine Armeslänge vor ihm und blickte ihn an. Er ließ sich Zeit. Auf eine absurde Art und Weise fühlte sich Alduran geehrt. Bei den anderen Dorfbewohnern hatte der Seelensammler gewütet, rücksichtslos hatte er die Seelen aller an sich gerissen, die er erreichen konnte. Aber bei ihm schien er es zu genießen. Vielleicht lag es daran, dass er Magier war, und sich der Gott das Beste zum Schluss aufgehoben hatte.

Der Geist in Aldurans Inneren schrie in Todesangst auf, als der Gott die verformte Hand erhob und sie dem Magier entgegenstreckte. Alduran spürte, wie ihm der Gott seine gesamte magische Energie und den Willen entzog. Der Geist in seinem Inneren sträubte sich erst mit Macht dagegen, aber er war zu schwach. Dann spürte Alduran nichts mehr, nur noch eine allumfassende Leere und Gleichgültigkeit. Ihm kam das Ganze furchtbar unspektakulär vor. Beinahe enttäuschend.

Er bemerkte es fast nicht, als der Seelensammler seine Brust berührte. Aber schließlich verstärkte sich das leichte Zerren und Ziehen in ihm und wurde innerhalb eines Augenblickes unerträglich. Es fühlte sich an, als würden nacheinander alle Fasern in seinem Körper reißen. Die Seele löste sich widerwillig von seinem Körper, und Alduran schrie vor Agonie auf.

Er spürte, wie er von seinem Körper getrennt wurde. Er verlor ein Teil seiner selbst, von dem er sich auf ewig würde trennen müssen, und er hatte keine Zeit zum Abschied. Er blickte auf seinen Körper zurück, der absurd verdreht dem Boden lag, und unendliche Trauer überkam ihn.

Und dann war nichts mehr.


16 Kommentare

  1. Alexander Liechti Antworten

    Nach wenigen Sätzen ist der Leser von der düsteren Stimmung gefangen. Spannend ! Freue mich auf das nächste Kapitel.

  2. Yvonne

    Danke für deinen Kommentar! Ich hoffe, es bleibt spannend. 😉

  3. Antworten

    Ebenfalls Erste! 😛

    Sehr stimmig geworden das Ganze, wie ich finde. Meine Erwartungen nach Cover und Klappentext sind schon mal vollumfänglich erfüllt. 😀

  4. Yvonne

    Puh, Glück gehabt 😉

  5. Bea Antworten

    Sehr spannend, werde auf jeden Fall weiterlesen 🙂

  6. Yvonne

    Liebe Bea, danke, das freut mich riesig! Ich hoffe, ich werde euch nicht enttäuschen 🙂

  7. Antworten

    Spannender Auftakt. Ob’s das wohl war von Alduran? Oder lebt er als Bewusstsein im Seelensammler weiter?

  8. Yvonne

    Danke dir! Hihi, wir werden sehen … aber allzu viele Hoffnungen würd ich mir jetzt nicht machen. 😉

  9. Dorothe Antworten

    Schaue im Laufe der Woche hinein …

  10. Yvonne

    Keine Eile, es läuft nicht weg. 😉

  11. Tamara Antworten

    Mega Stimmung! Mir gefällt die Atmosphäre, schön düster. Bin gespannt, wie es weiter geht.

  12. Yvonne

    Danke dir! Es soll allgemein eher ein bisschen düster bleiben, mal schauen, ob ich es damit mit der Zeit vielleicht nicht übertreibe. Wir werden sehen.

  13. Eva Antworten

    Ganz toll geschrieben! 🙂 Macht gleich Lust, den Rest dieser Welt zu entdecken.
    Und jetzt muss ich wirklich immer eine Woche warten, bis es weitergeht?? Das ist ja fast noch schlimmer als bei George Martin!

  14. Yvonne

    Gnihihihi, fies, gell? 😉 Danke dir! Naja, so schlimm wie bei Martin wirds nicht werden, immerhin ist dieser Roman (fast *hust*) fertig.

  15. Ursina Kuhn Antworten

    Mega toll geschrieben und die Spannung ist ja fast unerträglich. Bin gespannt auf den nächsten Teil 🙂

  16. Yvonne

    Ui danke dir vielmals für das Lob! Im nächsten Kapitel geht’s ein bisschen „sicherer“ weiter, aber ein Zuckerschlecken wirds für den armen Tavoran dann doch nicht 😉

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